Gibt es den Homo alpinus helveticus?

Oder anders gefragt: Üben die Berge einen besonderen Einfluss auf das Verhalten der Schweizer aus? Die Verhaltensanalyse der Schweizer ist ein schwieriges Unterfangen. Die Präsenz der Berge allein erklärt nicht alles, aber viel...

 

Völker verhalten sich anders, je nachdem ob sie in der Wüste, an einem Flussufer, in den Bergen oder in der Ebene leben. Das hat mit dem unterschiedlichen Klima und mit der damit verbundenen Bodenbeschaffenheit zu tun. Wird ein Volk in eine neue Umwelt umgesiedelt, wird es sich früher oder später den neuen Gegebenheiten der Natur anpassen.

 

Die Geopolitik teilt den Bergen verschiedene Funktionen zu. Eine Gipfellinie kann Grenze zwischen zwei oder mehreren Staaten sein. Aber die Berge können auch im eigenen Land Sprachgrenzen schaffen. Man sagt in der Schweiz, dass das Land so viel Dialekte wie Täler zähle. Klingt vielleicht etwas übertrieben, zumal die Dialekte meist nicht so verschieden voneinander sind, dennoch hat die Aussage etwas an sich. Eine andere geopolitische Funktion der Berge liegt in ihrer vorteilhaften Verteidigungslage. Taktisch gesehen ist ein Berg sehr schwer zu nehmen, trotz Einsatz von modernen Kampfmitteln wie Raupenfahrzeugen oder Hubschraubern. Wer einen Berggipfel oder einen Pass hält, hat fast alle strategischen Vorteile in der Hand: Er sieht den Feind von weitem herankommen, kann seine Verteidigungslinie ausbauen, den Überraschungseffekt nutzen usw. Der Hauptnachteil besteht allerdings darin, die Verbindungswege zum Tal und somit den Nachschub sicherzustellen und aufrechtzuerhalten. Der Berg dient auch als Zufluchtsort. Es gibt auf der Welt unzählige Beispiele von Völkern, die im Verlaufe ihrer Geschichte in die Berge flüchten mussten, und ihre Unbeugsamkeit ist uns allen wohl bekannt. Denken Sie an die verschanzten Kämpfer in Afghanistan oder im Kaukasus. 

 

Weniger geopolitisch, dennoch symbolisch wichtig ist der Nimbus, den die Berge in sich tragen. Sie stellen etwas Erhabenes dar. Es ist kein Zufall, dass das Matterhorn einen so hohen Stellenwert bei der Werbung besitzt. Es steht für Qualität, Reinheit, Natur, Überlegenheit... Und es wird unmissverständlich mit der Schweiz in Verbindung gebracht, obwohl die Südflanke des Berges auf italienischem Territorium liegt. 

 

Was bewirken die Berge auf uns Schweizer? Zum Ersten, sie versperren die Sicht. Will man wissen, was sich auf der anderen Seite abspielt, muss man aktiv werden. Zum Zweiten, sie vermitteln ein Gefühl der Geborgenheit, obwohl wir ganz genau wissen, dass die Berge auch ihre Launen haben. Zum Dritten, sie beschränken unsere Mobilität, insbesondere im Winter und bei Schlechtwetter. Unter solchen Umständen reduzieren sich die menschlichen Beziehungen meist auf den lokalen Mikrokosmos. Das führt wiederum zur Einschränkung der geistigen Mobilität. Und das soll überhaupt nicht als negativ bewertet werden. Natürlich kann die Lage durch gut unterhaltene Straßen, Bildung, Internet, Medien usw. erleichtert werden, dennoch ist es unbestreitbar, dass die Bergbewohner weit weniger mobil sind als ihre Mitmenschen in der Ebene. 

 

Zurück zu unserer Frage: Gibt es ihn wirklich, den Homo alpinus helveticus? Die Alpen und der Jura machen 70 % unseres Nationalterritoriums aus, aber über 75 % der Bevölkerung lebt im Mittelland. Dennoch wirft man den Schweizern oft vor, sie hätten eine „Igelmentalität‟, insbesondere wenn es um die europäische Integration geht.

 

Es gibt ihn also doch, den Homo alpinus helveticus, mit seiner Vorliebe für Selbstbestimmung, mit seiner Vorsicht gegenüber all dem, was er hinter dem Berg nicht sehen und nur vermuten kann. Doch so einfach ist die Sache auch wieder nicht. Einerseits besteht durchaus eine gewisse Dualität zwischen Bewohnern des Mittellandes und den Berggebieten. Je nach Thema überwiegt mal  die eine, mal die andere Mentalität. Andererseits wirkt der Einfluss der Berge wohl auf uns alle, denn die Berge sind in diesem Land von überall her zu sehen und demzufolge auch überall spürbar, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht. 

 

Ob die ausländische Bevölkerung in der Schweiz auch diesem Einfluss unterliegt? Im Prinzip sind es nicht Bergbewohner, die en masse in die Schweiz einwandern, sondern Städtler. Und diese siedeln sich meist wieder in einer Schweizer Stadt oder Vorstadt an. Ihre Verbundenheit mit den Bergen ist anfangs vielleicht nicht so ausgeprägt wie bei uns Schweizern, aber sie wächst mit der Zeit, weil die Berge dafür sorgen... 


Virginia Bischof Knutti©2014