Warum stellen die Schweizer die besten Uhren her?

Als ich Anfang der 2000er Jahre als Stellvertreterin des Verteidigungsattachés in Südosteuropa arbeitete, begnete ich auf einem Empfang in Bukarest einem expatrierten Unternehmer aus der Romandie, der eine KMU für Sanitärinstallationen in Rumänien führte. Eine seiner Aussage werde ich nie mehr vergessen. Das verleitet mich dazu, Ihnen die Geschichte zu erzählen und diese in ihren geopolitischen Kontakt zu integrieren. 

 

Der Unternehmer hatte einen seiner Mitarbeiter damit beauftragt, einen Wasserhahn auf einer Fliesenwand zu befestigen. Der Angestellte, ein Rumäne, der der französischen Sprache mächtig war, führte die Arbeit aus. Als der Schweizer Unternehmer die Arbeit kontrollierte, stellte er fest, dass der Angestellte den Wasserhahn mitten in eine Fliese hineingemurkst hatte, wobei das arme Stück Keramik logischerweise in die Brüche gegangen war. So war es nicht gemeint, man musste wieder von vorn anfangen. 

 

Unser Westschweizer Unternehmer nahm demzufolge die Arbeit selbst an die Hand und bat seinen Mitarbeiter, zuzusehen, wie man es richtig macht. Prompt wurde der Wasserhahn entfernt und die zerbrochene Fliese ersetzt. Dann, an der Kreuzung zwischen vier Fliesen borte er ein Loch in die Wand, in dem der Wasserhahn befestigt wurde, ohne Kollateralschäden anzurichten. Die Reparatur  hatte nur  einige wenige Minuten gedauert. Am Ende kratzte sich der Rumäne am Kopf und sagte zu seinem Chef: „Ah, maintenant je comprends pourquoi les Suisses fabriquent des montres!‟, zu Deutsch: „Ach, nun weiß ich, wieso die Schweizer Uhren herstellen!‟

 

Wie ist die Erkenntnis des rumänischen Angestellten zu werten? War sie eine simple und unbedeutende Feststellung oder eher ein Hinweis auf einen der Hauptidentitätsmerkmale des Schweizer Volks, nämlich die Präzision?

 

Ein Land kann nicht so erfolgreich Uhren und Uhrwerke produzieren und exportieren, ohne über ein geeignetes Personal zu verfügen. Es braucht eine Veranlagung, eine „Verkabelung‟ im Kopf, die es erlaubt, präzise zu arbeiten. Das hat nicht jeder, auch nicht jeder Schweizer, und es wäre sehr merkwürdig, wenn ein Volk als Kollektiv diese Fähigkeit aufweisen würde. Und dennoch... 

 

Entgegen einem weit berbreiteten Gerücht haben nicht die Schweizer die Uhrenindustrie erfunden, sondern die Hugenotten, die, nachdem Ludwig XIV. 1685 das Edikt von Nantes widerrufen hatte, Frankreich en masse den Rücken kehrten. Sie ließen sich zuerst in Genf, dann im Jura nieder.

 

Die Industrialisierung der Schweiz vollzog sich aber keineswegs auf einheitliche Art und Weise. Sie eroberte zunächst das Mittelland, dessen geographische Lage die Errichtung kleiner Industrien, die Fabrikarbeit und den Handelsverkehr begünstigte. Die Lage war hingegen in den ländlichen und Gebirgsregionen, wo vor allem die weibliche Bevölkerung auf der Suche nach Zusatzeinkommen war, ganz anders. Feldarbeit und der Mangel an Mobilität haben deshalb das Aufkommen der Heimarbeit, insbesondere in der Textil- und Uhrenindustrie hervorgerufen. 

 

Also, weshalb stellen die Schweizer die besten Uhren her? Weil sie das best geeignetes Personal dafür haben. Die Uhrmacher fanden im Jura Arbeitskräfte, die sich für präzise Arbeitsverrichtung besonders gut eigneten. Diese Arbeitnehmer kannten die Hektik der Stadt nicht - das ist heute noch der Fall -, sie konnten Stunden lang an einem Werk tüfteln, sie waren zuvelässig, fleißig, motiviert, arbeiteten zu Hause, in einem entlegenen Tal, was die Problematik der eingeschränkten Mobilität löste. Die Uhrmacher profitierten weitgehend von diesen Umständen. Sie brauchten anfangs keine große Industriegebäude zu errichten, um ihre Mitarbeiter zu beschäftigen. Die produzierte Ware wurde direkt bei den Arbeitern abgeholt. 

 

Ja, die Berge hindern die Mobilität, aber im Jura haben es die Bewohner verstanden, aus einem Nachteil einen Vorteil zu machen. Am Anfang der Schweizer Industrialisierung hat also die Heimarbeit eher die Kunst der Kopie, der Transformation und der Verbesserung begünstigt, Arbeitsprozesse, die eben nach Präzision rufen. Heutzutage findet man Uhrenfabriken mehr oder weniger überall auf der Welt. Aber Sie können sicher sein, dass in Punkto Qualität die Schweizer Uhren unübertroffen bleiben. 


Virginia Bischof Knutti©2014