Leseprobe Kapitel I

Irgendwo, irgendwann. Bei allen Göttern! Wo bin ich? Ist dies Plutos Unterwelt? Eine kalte, trübe Flüssigkeit umgibt mich. Alles, was ich in dieser Brühe erkennen kann, sind kompakte Fischschwärme, die blitzschnell ihre Fahrtrichtung ändern: Rechts! Links! Rechts! Links! Gerade aus! 

 

Bin ich etwa auch ein Fisch? Kann ich mich deshalb so sanft und geschmeidig durch das Wasser bewegen? Und wieder beschäftigt mich dieselbe Frage: Wo bin ich? Ich strenge meine Augen an, doch alles, was ich wahrnehmen kann, sind graue Schattierungen. Atmen kann ich übrigens auch: Es ist, als ob Wasser durch meine Nase eindringen und wieder aus meinem Munde heraufließen würde. Ich weiß, es klingt unsinnig, aber so fühlt es sich nun mal an ...

 

Das ist alles schön und recht, aber was gibt es hier sont noch zu tun? Schwimmen, du asinus, einfach schwimmen. Also weiter! Aber wo soll's hingehen? Plötzlich spüre ich eine seltsame Wärme, die meinen ganzen Körper umhüllt. Die Wärmequelle kommt von oben. Ich erhebe den Kopf und erblicke einen Lichtstrahl, der das Wasser bis in den tiefsten Abgrund durchdringt. Ich beschließe, der Lichtquelle nach oben zu folgen. Beim Steigen bewegen sich meine Beine wie Flossen, meine Arme schmiegen sich an meinen Körper und mit dem Kopf gebe ich den Takt an. So schwimmen zu können, ist faszinierend! Ich bin also doch ein Fisch ... 

 

Es geht weiter zum Licht. Je weiter ich steige, umso wärmer fühlt sich das Wasser an und umso klarer wird es auch. Doch dann erblicke ich einen riesigen Fischschwarm auf meiner Linken, der gerade auf mir zusteuert. Ich bekommt es mit der Angst zu tun und will das Hindernis umgehen, kann aber nicht, als ob ich im Sog des Lichtes gefangen wäre. Der Schwarm nähert sich bedrohlich. Abertausende von Sardinen sind im Begriff, sich auf mich zu stürzen und ich kann nichts tun, um die Kollision zu verhindern. Es ist zu spät. Augen zu und durch! 

 

Dann spüre ich etwas wie Streicheln über den ganzen Körper. Ich öffne die Augen: vor mir gähnende Leere. Wo sind die Sardinen? Ich schaue mich um. Da hinten sind sie! So weit schon? Habe ich die Kollision unbeschadet überlebt? Die Beine sind noch dran, die Arme und der Kopf auch ... Haben Fische auch Beine und Arme? Egal, wo ist das Licht, dem ich folgen wollte? Da ist es! Noch ein paar kräftige Stöße aus den Beinen, und mein Kopf sticht wuchtig aus dem Wasser. Luft dringt in meine Lungen, und das bekommt mir nicht. Ich schnaube, huste, spucke ... Ich fühle, dass mein letztes Stündchen nahe ist, doch eine innere Stimme flüstert mir zu, den Kampf nicht aufzugeben. Nur zu gern, aber wie soll ich das bewerkstelligen, bitte schön? Soll ich wieder hinunter? Vielleicht kann ich nur noch Wasser "atmen"? Ich tauche zurück und inhaliere einen langen Zug Wasser. Das gibt mir den Rest. Ich ersticke. Ich muss wieder nach oben, aber meine Beine scheinen mir den Dienst zu verweigern, als hätte ich das Schwimmen auf einmal verlernt ... Ich drehe mich herum und versuche mit meinen letzten Kräften, den Kopf außerhalb des Wassers zu halten. Doch es besteht kein Zweifel: Ich stehe kurz vor dem exitium

 

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verstrichen ist, seitdem ich meinen Geist aufgegeben habe, als ich plötzlich das immer lauter werdende Schwirren von menschlichen Stimmen vernehme. Ich strenge mich unheimlich an, um ihnen sinngemäß zu folgen, kapiere aber kein Sterbenswörtchen von all dem. Was ist es überhaupt für eine Sprache?

 

Jemand muss sie ganz nah an mich herangemacht haben, denn ich rieche plötzlich einen stinkigen Mundgeruch. Ich öffne die Augen und mich überkommt ein Würgen. Ich drehe mich auf die Seite und übergebe mich wie ein elender Säufer während der Bacchanalien. Als ich das letzte Stück Seele aus dem Leibe erbreche, vernehme ich ein lautes Lachen. Mir fehlt jedoch die Kraft, den Kopf zu erheben und zu schauen, woher die ganze Erheiterung kommt. Alles, was ich vor Augen habe, ist ein aus dürftig zusammengenagelten Holzbrettern bestehender Boden. Durch die Risse sichert Wasser. Kann es sein, dass der Boden schaukelt oder spielt meine Fantasie wieder verrückt? Als mein Magen sich vollkommen entleert hat, fühle ich mich elend und schwach, aber auch erleichtert. Ich kann mich nun auf den Ellbogen stützen und den Blick vorsichtig aufrichten. 

 

Das Erste, was ich wahrnehme, ist die blendende Sonne. Zu viel für mich! Als ich die Augen wieder senke, erblicke ich eine Menge Leute um mich, die mich mit fragendem Blick anstarren. Das sind Männer, Frauen und Kinder - alle schwarz. Die meisten tragen schmutzige, abgenützte und seltsame Kleider. Der Mann, der so nah an mir war, dass ich seinen schlechten Atem riechen konnte, kauert neben mir und grinst. Er trägt eine Art kurze, enge Tunika mit den Buchstaben A - C - I - D - A - S auf der Brust. Was bedeutet das? Sind das die Insignien einer neuen afrikanischen Legion? Ist der Mann ein Deserteur? Ich setze mich bedächtig auf, wage einen kurzen Blick in die Runde und staune. Zum dritten Mal: Wo bin ich? Es schaukelt tatsächlich und es riecht nach ... Meerwasser! Bin ich etwa auf einem Schiff auf offenem Meer?

 

Ich versuche, meine Gedanken in einer logischen Reihenfolge zu ordnen, dabei stelle ich fest, dass ich mich nicht einmal an meinen eigenen Namen erinnern kann. Eine Frage nach der anderen drängt sich auf. Woher komme ich? Wie bin ich hierher gekommen? Wer sind diese Menschen und wo geht es hin? Und andere mehr, aber derzeit wäre ich ganz zufrieden, wenn ich auf diese drei eine vernünftige Antwort hätte ... 

 

Mehr Überlegungen kann ich derzeit nicht anstellen, denn ein Schauder übermannt mich, als ich realisiere, dass ich nackt wie ein Wurm daliege. Hastig bedecke ich meine Männlichkeit mit beiden Händen. Das bringt meine Retter zum Lachen. Was gibt es hier zu lachen? Unter normalen Umständen wäre meine erste Reaktion auf die Unverschämtheit blanke Empörung, ja hemmungslose Raserei gewesen, aber dann nähert sich mir eine Frau - groß, dünn, sehr dünn, mit einem schönen, regelmäßigen Gesicht. Ihr Lächeln besänftigt mich augenblicklich. Das Weiß ihrer Zähne ergibt einen starken Kontrast zur dunklen Haut. Sie ist von Kopf bis Fuß in ein dunkelgrünes Tuch eingewickelt und ihr Antlitz erinnert mich an die Frauen, die südlich von Ägypten leben - ach wie heißt das Volk noch? Ich kann mich nicht erinnern ... Die Frau trägt eine Decke auf ihren ausgestreckten Armen, als wäre es eine sakrale Reliquie, und legt sie liebevoll auf mich. Ich sammle meine Kräfte zusammen und strenge mich an: "Gratia ... ago", kann ich am Ende mühsam aussprechen. Das sind meine ersten Worte nach ... nach was eigentlich? 

 

Gerne würde ich meine Bedanken ihren freien Lauf lassen, aber plötzlich herrscht Unruhe. Mein Blick erfasst die Lage blitzartig: Ich sitze tatsächlich in einem Boot, zusammengepfercht mit einem Dutzend aufgebrachter Menschen. Was ist los? Ein Mann am Bug zeigt mit ausgestrecktem Arm nach links und ruft etwas, das ich nicht verstehe. Alle Insassen stürzen sich wie ein Mann auf die Seite. Das bringt die Nussschale fast zum Kentern. Ich rufe: "Ho!", und mache Zeichen mit den Händen, um den Leuten zu verstehen zu geben, dass sie sich auf dem Schiff gleichmäßig verteilen sollen, wenn wir nicht alle ertrinken wollen. Das verstehen alle auf Anhieb: Die Frauen schnappen sich die Kinder, setzen sich mit ihnen auf die gegenüberliegende Seite hin und fangen an, das Wasser auszuschöpfen, das sich im Innern des Bootes angesammelt hat. Die Männer hingegen verharren auf ihrer Seite und paddeln mit lauten Schreien auf etwas im Wasser zu. Ich bleibe sitzen, ahnungslos, was vor sich geht. Nach einigen Augenblicken hat die Aufregung auf dem Schiff den Höhepunkt erreicht. Zwei Insassen fischen einen Mann aus dem Wasser und hieven ihn auf unser Schiff. Er ist weiß und nackt wie ich, und bewusstlos noch dazu. 

 

Die Gewalt macht mich stutzig. Ich krieche zum Schiffbrüchigen, der prompt von den Füßen bis zum Hals mit einem schmutzigen Tuch bedeckt wird. Kurz darauf bäumt er sich auf und wird von einem starken Husten geschüttelt. Ich lasse den Mann nicht aus den Augen. Ich kenne ihn doch, aber woher? 

 

Südwestbuch Verlag©2016