Leseprobe (Auszug aus Kapitel II)

Vor der Küste von Lampedusa, irgendwann. Der Schiffbrüchige kommt langsam zu sich. Er erbricht, friert am ganzen Leibe und wirft verängstigte Blicke in die Runde. Er scheint älter zu sein als ich - Mitte sechzig vielleicht. Er hat eine breite Stirn, tief eingebettete Augen, dicke Brauen, eine prominente Nase ... Die grau melierten Haaren sind kurz geschnitten, aber füllig, außer vielleicht auf dem oberen Teil des Schädels. Vor dem "Unfall" war der Mann sicher wohlernährt - das sieht man am Wohlstandsfett, das seine Wangen füllig erscheinen lässt. Vielleicht ist er ein reicher Geschäftsmann, der mit Öl oder Wein handelt und dessen Schiff von Piraten geentert wurde. Nun scheint er mich in der Menge bemerkt zu haben, starrt mich an und ruft: 

"Caesar!"

Was, Caesar? Soll das mein Name sein? Ich bleibe entgeistert beim liegenden Schiffbrüchigen kauern, als mir plötzlich ein Name entfährt, ein einziger, aber was für einer: 

"Cicero!", woraufhin ich den Mann schwungvoll umarme, der diesen würdevollen Namen trägt. 

Alle Gesichter drehen sich auf einmal uns beiden zu, dann hilft man uns, Platz in der Mitte des Schiffes zu nehmen, zusammen mit den Frauen und den Kindern, und die Männer machen sich weiter ans Rudern. 

Das ist Cicero - keine Frage! Aber was macht er hier? Cicero, je nach Lebenslage mein schlimmster Widersacher, mein größter Verräter, gelegentlich auch mein Freund, dem aber nie wirklich zu trauen war ... Wie kommt er hierher?

Sobald er etwas zu Kräften kommt, setzen wir uns einander gegenüber und mustern uns für eine Weile schweigend und distanziert. Dann bricht der bekanntlich geschwätzige, ehrenhafte Senator und Ex-Konsul als Erster das Schweigen: 

"Caesar, was - bei allen Göttern! - machst du hier?"

"Und du?"

"Keine Ahnung ....", antwortet er, sich am Kopf kratzend. "Bist du auch von diesen Leuten aufgefischt worden?"

"Ja, kurz vor dir!"

"Wie sind wir hierher gekommen? Wer sind diese Leute? Wohin fahren wir?", fragt er mit dem Blick einer aufgescheuchten Gans. 

"Mein Freund, ich weiß nur, dass wir eine Odyssee hinter uns haben ... Warte, ich versuche, Näheres in Erfahrung zu bringen!"

Ich krieche zu dem Mann am Heck, den ich dem Standort und seinem Verhalten nach für den gubernator halte. 

"Wo fahren wir hin", frage ich in Richtung der Fahrt zeigend. Der Mann versteht mich auf Anhieb und ruft hart am Winde: 

"Lampedusa!"

"Lampedusa ... Lampedusa ... Lampedusa ...", wiederhole ich vor mich hin. "Wie weit noch?"

Der Mann ahnt wohl, was ich wissen möchte. Er zeigt in Richtung Sonne, dann legt er seine Hände übereinander, den Kopf darauf, als würde er schlafen, und schließt die Augen. Das wird etwa heißen, dass wir in der Nacht ankommen werden. Ich klopfe auf die Schulter des Mannes als Zeichen der Dankbarkeit und krabble zurück zu Cicero. 

"Wir fahren nach Lampedusa und sollten diese Nacht ankommen."

"Lampedusa?", wiederholt Cicero, der mich sogleich anschaut, als ob ich *Mond" gesagt hätte. 

"Ja, Lampedusa!" Das ist eine kleine Insel südlich von Sizilien", erkläre ich grinsend. 

"Weiß ich doch, ehrwürdiger Caesar! Was ich hingegen nicht weiß, ist, was - beim Jupiter! - haben wir auf Lampedusa zu suchen?"

"Wir, gar nichts, aber diese Leute vermutlich schon ...", erwidere ich, auf die Männer deutend, die unermüdlich weiter rudern. 

Der Senator schluckt hart. Sein Kopf brummt genauso wie meiner. Doch trotz des "Unfalles" hat seine Wissbegier und seine Geschwätzigkeit kein bisschen an Schärfe und Intensität eingebüßt. Der Beweis? Er beginnt ein Kreuzverhör wie zu seinen schönsten Zeiten, als er Konsul und der begehrteste Rechtsverdreher Roms war: 

"Hast du präzise Erinnerungen an die Vergangenheit?"

Ich füge mich freiwillig dem Verhör in der Hoffnung, durch den anregenden Austausch den Durchblick über die Lage zu erlangen: 

"Ich habe dich sofort wiedererkannt, und seit unserer Begegnung gehen mir Tausende von Bildern durch den Kopf."

"Was für Bilder?"

"Ich sehe meine Mutter Aurelia, meine Ehefrauen Cossutia, Cornelia, Pompeia, Calpurnia ... Ich sehe meine Tochter Julia sowie Kleopatra ..." 

"Aha, nur Frauen also?", unterbricht Cicero mit einer gehörigen Portion Hohn in der Stimme. 

"Nein, nicht nur ... Ich sehe auch Pompeius Magnus, Marcus Antonius, Crassus, Brutus, Octavian ..."

"Octavian? Ach, der heißt schon lange nicht mehr so!"

"Wirklich? Und wie heißt er denn?"

"Na, wie denn wohl? Caesar, natürlich, wie du! Schließlich hast du ihn zu deinem Adoptivsohn gemacht ... Doch eine dringendere Frage brennt auf meiner Zunge."

"Sprich!"

Cicero zögert, was nicht allzu oft vorkommt. 

"Erinnerst du dich an deinen Tod?"

Die Frage haut mich fast um. Auch ich zaudere, denn ich versuche, zuerst Ordnung in meine wirren Gedanken zu bringen. Mein Tod ... Wie kann man überhaupt über den eigenen Tod reden? Doch Ciceros Frage hat etwas an sich. Ich starre auf den Boden und konzentriere mich ganz fest: 

"Ich erinnere mich an den Weg zum Marsfeld mit Marcus Antonius ... Er ist plötzlich nicht mehr bei mir ... Gaius Trebonius hat ihn zurückgehalten ... Ich trete in die curia des Pompeius, wo eine Sitzung des Senats stattfinden soll ... Eine Menge Senatoren haben sich auf einmal um mich herum geschart ... Alle wollen etwas von mir ... Sie drängen und schubsen mich ... Noch nie habe ich sie so aufgeregt erlebt ... Dann sehe ich nur noch Dolche ... einen Wald von Dolchen, die auf mich stechen ... von vorn, von hinten, von allen Seiten ... immer wieder ... Ich sehe noch Brutus ... Er zaudert lange ... Doch am Ende sticht auch er auf mich ein ... Das ist alles."

Ich tauche meine Augen in diejenigen des Cicero. Seine hingegen weiten sich vor Schreck. 

"Wie viele Stiche sind es gewesen?", frage ich nach einer langen Pause. 

Cicero schaut weg auf das offene Meer, als sei ihm meine Frage peinlich oder unangenehm. 

"Dreiundzwanzig", flüstert er dann in einem Seufzen. 

"Dreiundzwanzig?", stößt es aus mir hervor. So viel hat es also gebraucht, um mich loszuwerden?"

Cicero wendet sich wieder zu mir. In seinen Augen glaube ich Traurigkeit zu lesen, doch momentan hüllt er sich in Schweigen. 

"Wer war alles dabei?", beharre ich. 

Mein Begleiter fasst sich ein Herz, überlegt kurz und sagt: 

"Ich kann mich nicht an alle Namen erinnern ... Die Anführer waren Marcus Junius Brutus und Gaius Cassius Longinus, dann Publius Servilius Casca, Lucius Tillius Cimber ... Und wer noch? Ach ja, Brutus' Bruder Decimus war auch dabei!"

"Marcus Junius Brutus - der Anführer ... Dabei hatte ich ihm seinen Verrat und seine Allianz mit Pompeius Magnus verziehen, ihn sogar als Belohnung dafür zum praetor ernannt", erinnere ich mich bitterlich. 

"Das ist sicher eine herbe Enttäuschung für dich zu erfahren, dass ausgerechnet den Leuten, die sich dir gegenüber erkenntlich hätten zeigen sollen, nichts Besseres einfiel, als sich gegen dich zu verschwören."

Ich erhebe den Kopf und studiere intensiv Ciceros Antlitz. Es gab in der Vergangenheit etliche Male, an denen ich ihm den Kopf am liebsten eigenhändig abgerissen hätte. Ciceros Besserwisser-Verhalten ist mir schon immer auf die Nerven gegangen, doch jetzt ... Jetzt, wo wir beide in dieser mysteriösen Lage stecken, verspüre ich ihm gegenüber weder Hass noch Ärger. Dennoch muss er sich einer kniffligen Frage stellen: 

"Hast du etwas von der Verschwörung gewusst?"

Cicero sieht mich an wie ein geprügelter Hund. 

"Nein, Caesar, man hat mich nicht eingeweiht und ich bin an jenem Tag auch nicht dabei gewesen."

Reut es ihn, dass er von seinen Kommilitonen im Senat hintergangen worden ist? Mein Gefährte zieht seine Decke etwas enger um sich und setzt sein Verhör fort, kaltblütig und direkt, wie nur ein Anwalt sein kann: "Sind all die Stiche auf deinem Körper sichtbar?"

Die Frage verblüfft mich noch mehr als die vorherige. Blitzartig öffne ich meine Decke und inspiziere meine Brust. Cicero kann sich nicht verkneifen, einen neugierigen Blick zu erhaschen. 

"Nein, da ist nichts zu sehen", murmle ich. "Und was ist mit dir?"

"Antonius hat mich hinrichten lassen", erwidert der Ex-Konsul, der nun plötzlich mit den Tränen kämpft. 

"Du bist also auch tot?", rufe ich, völlig überrascht. 

"Ita est, so sieht es aus ...", bekennt er kopfschüttelnd. 

Meine Kehle verengt sich auf einmal und fühlt sich so trocken an wie die afrikanische Wüste. Was geht hier - bei allen Göttern! - vor? Denk nach, Caesar, denk nach! Also: Cicero und ich sind tot, jeder auf seine Weise: Ich wurde von einer üblen Bande von Senatoren ermordet, und Antonius hat Cicero hinrichten lassen. Ergo sind wir unterwegs zur Unterwelt. Der gubernator ist Charon, und das Wasser unter uns ist der Styx - zumindest ist das die Vorstellung, die jedermann lebenslang eingeschärft bekommt, was die Überquerung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten anbelangt ... 

Indessen sieht Cicero zu mir hoch und scheint, eine Reaktion von mir zu erwarten: aufmunternde Worte, eine Beruhigung, oder was weiß ich? 

"Du bist also auf Geheiß von Antonius hingerichtet worden ... Trägst du eine Wunde davon?", will ich wissen. Meine Frage lässt Cicero hochfahren. Er zögert eine Weile, dann lockert er seine Decke. Ich nähere mich und suche eine Wundstelle am Hals, im Rücken, an der Brust ... "Nein, da ist nichts", muss ich zugestehen. 

In Ciceros Kopf kreisen wirre Gedanken, denen er unbedingt Luft machen muss, und sie decken sich mit meinen: 

"Wir sind also beide tot", schlussfolgert er. "aber wir sind sicher nach unserem Tod eingeäschert worden ... Wieso sitzen wir nun da mit unversehrten Körpern? Gibt es also doch ein Leben nach dem Tod, obwohl unsere Lieblingsphilosophen Zenon von Kition und Epikur immer das Gegenteil behauptet und wir, in unserer unermesslichen Naivität, ihnen unseren Glauben geschenkt haben? Kann man in der Unterwelt so weiterleben wie auf Erden?"

"Dieselbe Frage habe ich mir soeben gestellt ... Aber wenn wir tatsächlich in der Unterwelt angekommen sind, dann sind wir bestimmt in guter Gesellschaft ...", versuche ich zu scherzen. 

"Du meinst, Caesar, dass unsere Feindseligkeiten und unsere Vorlieben sich im Jenseits unendlich fortsetzen werden?"

"Woher soll ich das wissen? Warte ab, bis wir an Land sind. Dann sehen wir, wohin der angebliche Charon uns bringt."

Wir schweigen wieder eine Weile und wühlen in unseren Gedanken - jeder für sich. Doch mir fällt es schwer, meine Überlegungen, so bunt und wirr wie sie sind, für mich zu behalten. Und gegen Kummer, Zweifel und Unsicherheit hilft nur eins: reden. Ich wende mich also wieder an meinen Weggefährten: 

"Wie lange hast du mich überlebt?"

Mein Schicksalsgenosse scheint auch größeren Gefallen an unserem Austausch als am individuellen Schweigen zu haben: 

"Circa eineinhalb Jahr nach dir habe ich auch die Welt verlassen."

"Lass hören! Was ist nach meinem Tod geschehen?"

"Marcus Antonius hat brevi manu die Macht übernommen."

"Marcus Antonius?" Ja, logisch ... Er war damals mein Mitkonsul ... Es ist dennoch erstaunlich, dass er mich überlebt hat."

"Gewiss, Caesar! Die Verschwörer haben sich am Ende als hirnlose Träumer entpuppt. Sie glaubten felsenfest, dass allein deine Beseitigung die Republik retten und die alte Ordnung von selbst zurückkehren würde ..."

  

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