Leseprobe Kapitel III

Ein Durcheinander an Stimmen und Bewegungen reißt mich aus dem Schlaf heraus. Die Nacht hat uns vollkommen eingehüllt. Am Firmament flimmern die Sterne. Im Dunkeln spüre ich die sanften Wellenkämme, die gegen das Boot schlagen. Die Männer rudern unaufhaltsam. Cicero ist wach und schaut entgeistert in die Ferne. Nun rüttelt er an mir: 

"Caesar, schau mal!"

Ich stehe auf. 

"Sind wir auf Lampedusa angekommen? Es war auch Zeit!" Ich schaue in Richtung Land und reibe mir die Augen. "Bist du schon mal auf Lampedusa gewesen?", frage ich. 

"Nein."

Plötzlich ertönt wie aus dem Nichts ein seltsamer und ohrenbetäubender Krach, eine Mischung aus - ich weiß nicht so genau, wie ich ihn beschreiben soll - stumpfem Donner und schrillem Heulen. Und das ist nur der Anfang: Etwas rast mit voller Kraft auf uns zu. Das ist sicherlich eine machinatio der Unterwelt, denn sie sieht aus wie ein Boot, fährt aber mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, und ... es gibt keine Ruderer und keine Segel an Bord! Bei allen Göttern! Wer treibt das Ding an?

Dann werden wir von einem Lichtstahl erfasst und geblendet. Gleichzeitig bricht frenetischer Jubel auf unserem Boot aus. Die Leute schreien, winken und stampfen, als wohnten sie eine Wagenrennen im Circus Maximus bei. Cicero und ich schauen uns gegenseitig an und können nicht verstehen, was die gellenden Schreie sollen. Dann ertönt eine laute Stimme aus dem unbekannten Boot, während es sich immer mehr nähert ... Die Stimme klingt wie aus einem Horn und brüllt etwas Unverständliches für uns. Bei unseren Rettern hingegen provoziert sie noch mehr Jubel. 

Das Ding ist nun fast auf unserer Höhe - ein Schiff so gro ß wie eine Liburne. Auf dem Deck erkenne ich eine Art Kajüte aus Glasfenstern, die von innen so stark beleuchtet sind, dass man volle Sicht auf das Innere hat ... Auf dem Dach erhebt sich ein Wald von Lanzen und Spitzen in verschiedenen Größen ... Da ist auch etwas Weißes und Rundes, wie ein großer Teller, der sich kontinuierlich um die eigene Achse dreht ... Auf der Seite des Gefährts ist in großen, schwarzen Buchstaben etwas eingeritzt: GUARDIA COSTIERA. Costa verstehe ich schon, aber costiera ... und guardia? Das ist doch kein Latein, sieht aber meiner Sprache ähnlich ... Was für eine Rede haben die Insulaner übernommen? Womöglich sind sie von einer fremden Macht überrannt worden, einer Macht, die unsere Buchstaben verwendet ... Schweißausbrüche übermannen mich und ich kriege es wieder mit der Angst zu tun. Ich bin nackt, unbewaffnet und ohne Legionen. Was kann ich schon derart untergekommen schon anrichten, wenn es böses Blut gibt? Heulen, wenn Probleme auftauchen, ist nicht meine Art, aber heute Nacht fühle ich ein unbeschreibliches Bedürfnis zu schreien in mir aufsteigen, meinem Unbehagen Luft zu machen, aber alles, was aus meinem Mund herauskommt, ist lautloses Japsen. Am Ende schaffe ich doch mühsam zu artikulieren: 

"Was ... ist ... das? Etwas ... stimmt hier nicht ... In welchem ... Zeitalter ... leben wir hier?"

Cicero hat auch keinen Schimmer und kann nur noch stottern, wie zu Jugendzeiten: 

"K... keine Ahnung ..."

Er rollt mit den Augenuni ich befürchte, dass er mir demnächst kollabiert ... 

Die Stimmung unter den Passagieren ist aber eine ganz andere: Sie winken der GUARDIA COSTIERA mit lauten Freudenschreien zu und stampfen wie eine Horde Büffel. Das hält unser Boot bestimmt nicht lange aus. Wie weit sind wir noch von der Küste? Ich schaue nochmals in die Richtung und schätze die Entfernung auf eine halbe Meile, wenn die Dunkelheit meine Sicht nicht allzu sehr täuscht. Egal, das würde ich notfalls schaffen, aber Cicero kann sicher nicht besser schwimmen als ein Backstein ... 

Und dann trifft genau das ein, was ich vorhin vermutet habe: Das Deck reißt unter dem Getrampel auf einmal auf, das Schiff legt sich zur Seite und Wasser strömt hinein. Blitzschnell erfasst es das ganze Schiff. Dann versinkt das Boot ... Rette sich, wer kann! Die ganze Belegschaft treibt in den Wellen und schreit nach Hilfe. Es ist stockfinster und kalt. 

Cicero ist noch bei mir. Er versucht krampfhaft, den Kopf an der Wasseroberfläche zu halten und fuchtelt mit den Armen herum wie ein Gladiator in der Arena, dabei schluckt er reichlich Wasser. 

"Halt dich an mir fest!", rufe ich. Cicero hustet und spuckt, klammert sich an mich, aber mit seinem stattlichen Gewicht und seinem heftigen und verzweifelten Herumfuchteln droht er uns beide in die Tiefe des Meeres zu befördern ... Vor mir schwebt ein Holzbrett. Ich schnappe es mir und reiche es meinem Freund weiter. "Cicero, halt dich daran fest!", rufe ich. 

Mein Begleiter steht zum weiten Mal heute kurz vor dem Ertrinken. Mit den allerletzten Kräften klammert er sich am Holzstück. Er zittert am ganzen Leib und seine Zähne klappern wild. 

Auf der GUARDIA COSTIERA herrscht Panik. Die Besatzung rennt hin und her auf Deck und ruft den Schiffbrüchigen Dinge zu, die nur die Götter verstehen. Dann werfen die Männer an Bord zwei Bötchen ins Wasser und Ringe, die zu schweben scheinen ... Die Bötchen leuchten orange in der Nacht, haben einen flachen Boden und scheinen widerstandsfähig genug zu sein, um uns aufzunehmen. Ich lasse Cicero mit dem Holzbrett los und schwimme auf eines der Bötchen zu. Dann hieve ich mich hoch und lasse mich darin fallen. Auf den Seiten sind Ruder angemacht, Ich ergreife sie und rudere die kurze Distanz, die mich von Cicero trennt. Dann schnappe ich ihn mir und hisse das Schwergewicht an Bord. Trotz der Strapazen findet merkwürdigerweise der Senator noch genügend Kraft, um mir zu helfen, einige Schicksalskumpane an Bord zu holen, darunter die Frau mit dem unvergesslichen Lächeln und dem grünen Gewand. Das zweite orange Bötchen treibt auf dem Wasser und füllt sich prompt mit dem Rest der Schiffbrüchigen. 

Mein Blick wandert über das traurige Spektakel. Es erinnert mich an eine Seeschlacht. Überall treiben Gegenstände auf dem Wasser: Kleidungsstücke, Päckchen, Säcke, Armseligkeiten, die diese Leute mit sich führten, sowie hölzerne Überreste des Schiffes. Dann setzt sich die GUARDIA COSTIERA in Bewegung und wir rudern ihr hinterher bis zum Ufer. 

Cicero hat seine Todesangst von vorhin blitzschnell überwunden. Er rudert mit aller Kraft, dabei hat körperliche Tätigkeit niemals zu seinen Stärken gehört. Nun wird die Küste sichtbar: Vor uns liegt ein Hügel, von oben bis unten mit Steinhäusern zugebaut. Obwohl Finsternis herrscht, ist jedes einzelne Haus deutlich erkennbar, fast wie am helllichten Tag, denn zwischen den Häusern sind lange, dünne Stangen mit einer Lichtquelle an der Spitze zu sehen. Sie erinnern mich an die Pharos an den Meeresküsten, bloß flackert das Licht nicht wie Feuer ... Es bleibt stetig und leuchtet grell wie dasjenige auf der GUARDIA COSTIERA. 

Wir sind fast da. Cicero lässt das Ruder los und streicht mit der Hand über die Kante des orangefarbenen Bötchens. 

"Was ist das für Material?", fragt er neugierig. 

Auch ich fasse die seltsame Beschaffenheit des Bötchens an, streichle und kneife es abwechslungsweise, fühle die Nachgiebigkeit des Materials und kann nur den Kopf in Unwissenheit schütteln. 

"Keine Ahnung!", muss ich zugeben. 

Als wir am Ufer ankommen, werden wir von vier seltsam gekleideten Männern empfangen: Alle tragen eine schwarze Kopfbedeckung mit einem breiten, halbrunden Rand, der die Stirn halbwegs deckt; eine dunkelblaue, enge Tunika mit einer Reihe von runden, flachen Knospen - etwa wie kleine Münzen -, die auf der ganzen Länge des Oberkörpers, von Kinn bis zum Bauchnabel, angebracht sind; ein schmales, blaurotes Tuchstück um den Hals, das bis zum Bauch reicht und hin und her flattert, je nach Laune des Windes; schwarze, enge, lange bracae, wie die der Gallier, aber irgendwie viel ... anmutiger. An den Füßen haben sie schwarzes Schuhwerk mit dicken, breiten Sohlen. Um den Bauch tragen sie einen breiten, weißen, eng geschnallten Gurt. Daran ist auf der rechten Seite eine Art weiße Tasche befestigt, die sehr schwer sein muss, denn sie hängt tief auf der Hüfte. Was könnte sich in ihr befinden? Aus der Tasche ragt ein schwarzes Rechteck, ich kann aber nicht erkennen, was es ist. 

Die Männer helfen uns aus den Bötchen und erklären uns in ihrer Sprache, begleitet von Handzeichen, dass wir den beleuchteten Weg hinaufsteigen sollen. Das ist schneller gesagt als getan, denn manche von uns sind vollkommen erschöpft, die Frauen und die Kinder vor allem. Cicero und ich helfen einigen Matronen mit ihrem Nachwuchs, den kurzen, aber steilen Weg zu bewältigen. 

Nun sind wir am Eingang von etwas, das mich an unsere castra erinnert ... Auch hier stehen seltsam gekleidete Leute, darunter auch Frauen. Selbst die tragen bracae und kurze Tuniken mit Münzen, wenn auch in fröhlicheren Farben ... Wie kommt es - bei allen Göttern -, dass Frauen hier bracae tragen? Was ist das für eine Welt? Ich sehe mir die stolzen weiblichen Gestalten genau an: Sie schwatzen, lachen, scherzen mit einer Selbstverständlichkeit und einer Unverfrorenheit, die mich umwerfen. Seinem Blick nach schätzt Cicero die Lage genauso ungeheuerlich ein wie ich, doch ich kann die Augen nicht mehr von den Frauen abwenden. Nach einer Weile wird mir bewusst, dass zwei von ihnen Sandalen anhaben ... Sandalen! Endlich ein Gegenstand, der mir vertraut ist ...

Einige einheimische Matronen stehen hinter einer Reihe von Tischen. Auf dem ersten türmen sich Stapeln von Decken. Jeder Schiffbrüchige kriegt im Vorbeigehen eine ausgehändigt. Cicero und ich werfen unsere schmutzigen und nassen Decken weg und binden uns die neuen um die Taille. Das reicht vorläufig, um unsere frierenden Körper zu decken. Später können wir uns viellicht die Dinger wie eine Toga zurecht legen. Weiter geht's! Am zweiten Tisch werden weiße Becher verteilt. Auch sie sind aus einem seltsamen Material ... Ich drücke einen in der Hand, woraufhin er ein krachendes Geräusch von sich gibt. Der Becher ist sehr biegsam, zerbricht aber nicht. Die Flüssigkeit drinnen ist heiß, von gelblicher Farbe und unbekannt. Cicero steckt seine lange Nase rein: 

"Sieht aus wie Pisse, riecht aber sehr blumig!", meint er und nippt vorsichtig daran. 

"Wie schmeckt es?"

Mein Freund schnalzt mit der Zunge: 

"Nicht übel!"

"Und was ist es denn?", frage ich ungeduldig. 

"Wenn ich das wüsste!"

Die Wächter drängen uns weiter. Am dritten Tisch wird uns ein durchsichtiges Säckchen aus geschmeidigem, durchsichtigem Material überreicht: Es beinhaltet zwei Scheiben Brot, eine kleine, dunkle Wurst und andere dick verpackte Dinge. Cicero und ich schnappen uns die Esswaren, ohne anzuhalten. Wann haben wir zum letzten Mal etwas zwischen die Zähne bekommen? Vermutlich ist es eine Ewigkeit her ... 

Ich stelle aber mit Vergnügen fest, dass die Einheimischen sich Cicero und mir gegenüber sehr freundlich benehmen. Den anderen Schiffbrüchigen gegenüber sind sie eher abweisend. Mein Gefährte scheint dies auch aufgefallen zu sein. 

"Was glaubst du, haben die uns wiedererkannt?", fragt er. 

"Schwer zu sagen ... Wir waren die einzigen Römer an Bord, das wird wohl Grund genug sein, dass man uns freundlich empfängt ..."

Wir folgen dem Pfad weiter, der uns zu einer Gruppe von contubernia führt. Am Eingang werden wir von einer Frau empfangen. Sie sieht streng aus und trägt dieselbe Kleidung wie die Männer. Mit ihren hoch gesteckten dunklen Haaren wäre sie sehr anmutig, doch ohne ein Lächeln zeigt sie mit dem Zeigefinger auf zwei gegenüberliegende Reihen von Liegen. Es gibt zwanzig von denen auf jeder Seite, davon ist nur ein Dutzend frei. Cicero und ich gehen als Erste hinein und nehmen zwei freie Pritschen nebeneinander in Anspruch. 

"Das werden wohl unsere neuen Schlafgemächer sein", seufzt er. 

"Die wir mit achtunddreißig anderen Menschen teilen müssen", ergänze ich. 

Die anderen Schiffbrüchigen trudeln langsam ein und breiten sich über die freien Pritschen aus. Sie sind erschöpft, finden dennoch die Kraft, sich zu streiten. Scharfe Töne in bunten Fremdsprachen fliegen hin und her durch das contubernium, bald gefolgt von Raufereien. Wie halte ich das nur aus?

Ich schaue mich um. Die Behausung ist aus Backsteinen hergestellt. In regelmäßigen Abständen sind Fenster aus Glas in die Mauern eingebaut, aber die sind so hoch, dass man kaum den Himmel zu sehen bekommt. An der Decke sind auf der ganzen Länge leuchtende Stangen befestigt, die ein grelles Licht spenden. Die Stange über unseren Liegen scheint außer Rand und Band geraten zu sein: In regelmäßigen Abständen leuchtet das Licht ein paar Augenblicke, dann plötzlich nicht mehr, dann leuchtet es wieder. Das geht so hin und her seit fünf Minuten. Das macht mich rasend, weil ich einen epileptischen Anfall davon kriegen könnte ... Werde ich in diesem Leben wieder an jener ungeheuren Krankheit leiden? 

Das contubernium ist nun voll. Das Gebrüll geht unvermindert weiter ... Die weibliche Wache kommt hinein. Sie ist mit einem Stock bewaffnet und fuchtelt, ohne den Mund aufzumachen, drohend damit herum. Die Meute besänftigt sich augenblicklich, bis die Frau den Rücken zugekehrt und den Raum verlassen hat, dann geht es wieder los ... Auf meiner Pritsche liegend drehe ich mich zu Cicero und will ihm mein momentanes Empfinden mitteilen, aber er schnarcht schon. Diese Nacht wird er bestimmt nicht träumen ...

 

Südwestbuch Verlag©2016