Leseprobe Kapitel I

1. Februar 2015. Ich mag keine Abschiedszeremonien, denn ich bin nicht sonderlich gut darin. Seufzen, feuchte Augen und so, das ist definitiv nicht mein Ding, früher nicht und heute nicht.

Marietta, unsere Haushälterin, hat als Frau hingegen einen natürlichen Hang zu Emotionen und theatralischen Gemütsausbrüchen. Als ich mich vor einigen Minuten startklar zum Abfahren machte und ihr die letzten Empfehlungen zur Haltung des Hauses in Sorrento gab, fing sie an zu weinen, als wäre ich – wieder – tot. Ich kam mir vor wie ein Leichnam, den man der römischen Tradition zufolge den Fluss Styx – die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich Hades – hinunterschickte. Um die Vision vollends zu ergänzen, fehlte mir nur noch die Kupfermünze unter der Zunge, um Charon, den Fährmann über den Fluss, zu bezahlen. Diese Szene wurde plötzlich von einer anderen gejagt: Dutzende von Dolchen tanzten aus eigenem Antrieb auf einer Linie vor meinen Augen. Dahinter hüpfte belustigt eine Gruppe von Männern in weißen Togen ... Senatoren ... Senatoren! Causa finita est! Ich stieß Marietta auf die Seite, stieg ins Auto ein und machte mich aus dem Staub.

Es ist nun sieben Uhr in der Früh, kalt und windig, und ich fiebere neuen Abenteuern entgegen.

Meinen Führerschein habe ich beim ersten Anlauf erworben, obwohl dies kein einfaches Unterfangen war. Dabei war Antonius Cicero und mir sehr behilflich gewesen. Er besorgte uns ein Computerprogramm, mit welchem wir die Straßenschilder und die Verkehrsregeln lernen konnten. Das war die Theorie. Anschließend kam die Praxis, das eigentliche Autofahren. Schon der Umgang mit dem Lenkrad, der Kupplung, der Bremse und den verschiedenen Bordanzeigen war schwierig genug. Dazu kam noch der Stress mit dem dichten und chaotischen Straßenverkehr. Stress ... ein moderner Begriff für einen Gemütszustand, den wir Römer wohl auch gekannt haben. Dazu sagten wir jedoch Angst oder Bange, aber Stress klingt in der modernen Welt zugegebenermaßen besser. Wie auch immer, die Fahrprüfung war eine echte Herausforderung, aber ich habe sie selbstverständlich gemeistert.

Ich erinnere mich nur zu gut an jenen Tag, als ich mit meinem Fahrlehrer Sergio auf dem Beifahrersitz mit deutlich zu hoher Geschwindigkeit durch Sorrento flitzte. Es war ein paar Tage vor der Praxisprüfung. Ich fühlte mich „gut im sattel“ und wurde etwas übermütig. Ich nahm eine enge Kurve ungebremst in Angriff und hätte beinahe eine Straßenlampe gerammt. Sergio platzte der Kragen und er beschimpfte mich aufs Übelste: „Willst du uns umbringen, du stronzo?

Ein krasser Fall von crimen laesae majestatis! Oké, ich hatte mich übernommen, aber welche Herkulesaufgaben hatte der Halbstarke schon bewältigt, dass er sich anmaßen durfte, mir gegenüber respektlos zu sein? Hatte er etwa den Nemëischen Löwen erlegt, die neunköpfige Hydra getötet oder die Rinderställe des Augias ausgemistet? Hatte er nicht! Ergo konnte er sich mit mir nicht messen, geschweige denn, mich beleidigen. Es fiel mir daraufhin nichts Besseres ein, als einen brüsken Stopp zu reißen und bei laufendem Motor und mit äußerst imperativem Ton – wie früher – zu rufen: „Raus!”

Sergio schaute mich mit verstörtem Blick an.

„Hä?”

„Ich sagte: Raus! Du siehst dein Auto vor der Fahrschule wieder. Ciao!

Ich musste Sergio ziemlich viel Stress eingejagt haben, denn er machte keine Anstalten, sich meiner Entscheidung zu widersetzen. Er öffnete die Tür, stieg aus, knallte sie wütend zu und blieb auf dem Bürgersteig stehen, wie bestellt und nicht abgeholt. Ich indessen gab Gas und fuhr davon. Den ganzen Weg bis zur Fahrschule musste ich grölen und an Sergios langes Gesicht denken, eine für mich harmlose Genugtuung im Vergleich zu seiner bodenlosen Frechheit. Unter anderen Umständen hätte ich ihn vor versammelter Legion auspeitschen lassen!

Die Strecke bis zur Fahrschule betrug nur ein Paar Kilometer. Ich hielt dort an und wartete auf Sergio, eine Zigarette rauchend an sein Auto angelehnt. Unser verstorbener Freund Alfredo pflegte öfters in dieser Position zu rauchen. Diese Haltung habe ich mir unterdessen zu eigen gemacht, denn sie strahlt irgendwie einen Hauch von kulnes – wie Antonius sagt – aus, den ich in der modernen Welt gut gebrauchen kann.

Zehn Minuten später hielt ein Wagen vor der Fahrschule an, Sergio stieg vom Beifahrersitz aus, wechselte einige Worte mit dem Fahrer, der sodann mit quietschenden Reifen davonfuhr.

Was erwarten Sie jetzt von mir? Dass ich auf den Knien rutsche und mich entschuldige? Fehlanzeige, liebe Leute!

„Wer war das?”, fragte ich, als Sergio sich zögernd mir näherte.

„Keine Ahnung. Er hat mich auf der Straße wie einen verlassenen Hund aufgelesen.”

„Tut mir leid, Mann. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen ... Dein Auto steht übrigens da, unversehrt”, erwiderte ich auf das Fahrzeug zeigend.

Oh, habe ich mich etwa entschuldigt? Oje! Diese neue Welt bringt mich dazu, Dinge zu tun, die ich gar nicht tun will! Wie ist das nur möglich?

„Ist schon gut ... Ich war grob zu dir“, gab sergio zu. „Vergessen wir das, oké?

„Von mir aus”, entgegnete ich erleichtert.

„Ich glaube, dass ich dir nichts mehr beibringen kann, Giulio. Du hast den Wagen voll im Griff. Du solltest nur mehr auf die Geschwindigkeit achten. Gröbere Geschwindigkeitsübertretungen können dich den Führerschein für einige Monate kosten, Mann! Es lohnt sich nicht zu rasen.”

„Lass das meine Sorge sein! Bei meinem Range Robert kann ich die Geschwindigkeit mit dem Tempomat kontrollieren und Pedale habe ich auch weniger, alles, was mit deiner alten Kiste nicht möglich ist. Mit dem eigenen Wagen komme ich bestens zurecht!”

Und so meldete mich Sergio für die Fahrprüfung an, die ich vier Tage später fehlerfrei bestand. Der Fahrlehrer war froh, mich losgeworden zu sein – und ich ihn.

Nun sitze ich in meinem eigenen Range Robert, der früher Alfredo gehörte. Wie hätte ich damals ohne zu zögern meine sella curulis gegen diesen bequemen Autositz getauscht! Wissen sie eigentlich, wie mir der Rücken schmerzte auf jenem wackeligen Symbol der römischen Macht? Das kümmert Sie wohl kaum, mich aber schon. Dennoch, machen wir weiter!

Manche moderne Menschen empfinden das Autofahren als Last: zu viel Verkehr, zu viel Lärm, zu viel Unaufmerksamkeit sowohl von der Seite der Fahrer wie auch der Fußgänger, weil alle pausenlos am Handy hängen, statt sich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Mag sein, aber das Autofahren ist für mich zu neu, als dass ich es schon als lästig empfinden könnte. Außerdem habe ich mit dem Auto noch viel vor. Erinnern Sie sich noch an die Pläne, die ich nach Alfredos Tod schmiedete? Nein? Schon vergessen? Ich bin nun mit zweihundertvierzig Pferdchen – quasi meiner persönlichen Kavallerie – unter der Haube nach Gallien unterwegs!

Eigentlich hatte ich mir vor der Abfahrt vorgenommen, gemütlich in den Norden zu fahren, etwa über die Land-, vielleicht auch über die Römerstraßen. Von Capua aus führt die Via Appia nach Rom, diejenige Route, die ich letztes Jahr mit meinen beiden Kumpeln Antonius und Cicero mit gestohlenen Motorrollern gefahren war. Von Rom aus hätte ich zwischen der Via Aurelia und der Via Cassia wählen können. Beide führen nach Pisa. Oder ich hätte von Rom nach Rimini über die Via Flaminia fahren und von dort die Via Aemilia bis nach Piacenza nehmen können. Aber Antonius warnte mich davor: „Viel zu ruppig für moderne Karren ... und Ärsche“, schmunzelte er. „Unsere alten Straßen sind voller Schlaglöcher, so groß wie der Arsch der Gaia. Du würdest dein Auto nur kaputt fahren. Nimm besser die autostrada!”, empfahl er mir.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Also konfigurierte ich vor der Abfahrt meinen Bordcomputer entsprechend. Von Sorrento bis Nizza an der französischen Riviera sind es – theoretisch – etwas weniger als neun Stunden Fahrtzeit.

Als ich an Neapel vorbeiflitze, sammeln sich große, dunkle Wolken am Himmel. Ich sollte möglichst viel fahren, bevor der Regen einsetzt, denn ich bin nicht gern bei Nässe unterwegs. Irgendwie sehe ich dann nicht mehr so genau, umso weniger, als ich die Sehbrille nur ungern trage. Sie passt nicht zu meinem Haarschnitt ...

Auf der Höhe von Rom beginnt es zu regnen, zuerst ganz sanft, dann immer heftiger. Soll ich irgendwo anhalten? Audacia, Caesar, audacia! Also keine Frage, weiterfahren, solange es geht.

Auf das Steuern muss ich mich nicht sonderlich konzentrieren, denn das Auto macht alles selber. Na ja, fast alles, also kann ich meinen Gedanken und Erinnerungen freien Lauf lassen.

Antonius kommt mir wieder in den Sinn: Er ist schon seit drei Wochen mit seinem neu gekauften Auto – auch einem Range Robert – auf Achse. Sein größter Wunsch ist es, Alexandria wiederzusehen und vor allem das Grab seiner Königin – wie er sie nennt –, offiziell Kleopatra VII. Philopator, aufzusuchen, dasselbe Grab nämlich, wo er neben ihr Jahrhunderte lang gelegen haben soll, zumindest bis er – wie Cicero und ich letzten September – aus dem Mare Nostrum von den Toten auferstand. Dabei hatte Cicero in einem seiner seltenen aber heftigen Wutanfälle Antonius an den Kopf geschleudert, dass das Grab und der Palast der letzten Königin von Ägypten schon seit grauer Vorzeit unter Wasser lägen. Sie kennen Antonius mittlerweile: Er ist stur wie ein Bock, will es selber sehen, bevor er irgendetwas glaubt. Wozu ihn davon abhalten? Nein, er soll sich ruhig auf die Spuren seiner Königin machen. Vielleicht erfährt er dabei ganz interessante Dinge.

Ich realisiere erst jetzt, dass Antonius und ich seit unserer „Wiedergeburt“ niemals über unsere gemeinsame Liebe – Kleopatra – gesprochen haben. Warum denn wohl? Antonius redet gar nicht gern über die Vergangenheit. Ich habe Verständnis dafür, denn nach Antonius’ Niederlage gegen meinen Großneffen und Nachfolger Octavian und seinem Suizid, anno 30 vor Christus, verhängte der neue Herrscher Roms die damnatio memoriae gegen Antonius. Dass der unter diesen Umständen heute noch leidet und lieber schweigt, wird mir nun klar. Doch Kleopatra zu erobern und vor allem so lange zu behalten, war eine außerordentliche Leistung. Ich hatte Ihre Majestät ein ganzes Jahr lang für mich allein. Dabei zeugten wir einen Jungen, Caesarion – offiziell Ptolemaios XV. Caesar –, den Octavian nach Antonius’ und Kleopatras Tod ermorden ließ. Antonius regierte – seine langjährigen Absenzen eingerechnet – elf Jahre mit Kleopatra in Alexandria und zeugte Zwillinge und einen Jungen. Damit hätte er mir gegenüber angeben können, aber das hat er nie getan. Warum wohl? Aus respekt vor mir etwa?

Ich komme nicht darum herum, mich zu fragen, wer von uns beiden – Antonius und mir – Kleopatra mehr liebte. Wer war besser im Bett? Ich war mit zweiundfünfzig Jahren schon ein verhältnismäßig alter Mann, als ich anno 48 vor Christus gleich nach Pompeius’ Tod in Alexandria einfiel, während Antonius beim Treffen mit ihr in Tarsus anno 41 erst zweiundvierzig war.

Ich frage mich auch, was außer Sex die beiden so lange zusammenhielt. Welche Pläne schmiedeten sie, als sie beschlossen – gemeinsam? – die Parther zu überfallen oder die umliegenden Königreiche unter ihren Kindern und meinem Sohn Caesarion aufzuteilen?

Ich hatte damals Kleopatra einige kleine Geheimnisse anvertraut, was meine Pläne für die künftige Führung des Orients anging. Hatte die Schlange sie Antonius verraten? Das brauchte sie vermutlich nicht einmal, denn Antonius soll nach meiner Ermordung meine Nachlasspapiere beschlagnahmt haben. Hat er damit versucht, mit Kleopatras Unterstützung meine Vision eines neuen Roms zu verwirklichen? Ignorabimus, solange ich den Mut nicht habe, Antonius auszufragen. Es sei denn, die Königin von Unter- und Oberägypten aufersteht – so wie Antonius, Cicero und ich – und klärt mich auf oder bringt alles durcheinander. Ach, ich denke lieber nicht daran! Stellen Sie sich vor, wie höllisch das Leben wäre, wenn die selbstherrliche Kleopatra auch noch aufkreuzen würde! Würde sie dann wieder anfangen, wo sie aufgehört hatte, nämlich bei Antonius – oder eher bei mir? Fresse halten, Caesar! Solche unsinnigen Spekulationen bringen gar nichts.

Jedenfalls, seit Antonius abgefahren ist, habe ich nichts mehr von ihm gehört, obwohl er hoch und heilig versprochen hatte, mich wöchentlich anzurufen. Soll ich mir seinetwegen Sorgen machen?

Cicero ist einen Tag vor mir abgereist. Auch er hat seine Fahrprüfung beim ersten Anlauf bestanden, obwohl er anfangs etliche technische Schwierigkeiten und geistige Blockaden zu überwinden hatte. Aber der große Cicero hat es trotz seiner zwei linken Hände und innigster Ängste geschafft.

Zu ihm habe ich mittlerweile eine besondere Beziehung aufgebaut. Antonius habe ich schon immer als treuen Freund empfunden, aber mit Cicero war das ganz anders. Nachdem wir uns in unserem ersten Leben – zwar nur verbal, dennoch erbarmungslos – bekämpft haben, haben wir in diesem Leben gelernt, uns gegenseitig zu respektieren und zu unterstützen. Ich wusste damals schon seinen ungeheuren Einfluss im Senat zu schätzen und habe ihm wiederholte Male angeboten, sich mir anzuschließen, aber Cicero lehnte jedes Mal ab, auch er stur wie ein Bock. Das kostete ihn das Exil in den Jahren 58 und 57 vor Christus und schließlich Kopf, Kragen und Hände anno 43. Das können wir nicht mehr rückgängig machen, aber heute sind wir die treueste Nachahmung von Castor und Pollux geworden. Warum wohl? Ich nehme an, das liegt daran, dass wir nicht mehr Konkurrenten sind. Hic et nunc geht es primär ums nackte Überleben, sekundär um unsere neue Bestimmung in dieser fremden Welt und nicht mehr um die Rettung einer korrupten und ohnehin zu Tode geweihten Republik. Und wie Sie wissen, die Geschichte gab mir recht.

Jedenfalls ist Cicero in Richtung Osten gefahren. Er wollte kein Auto in Italien kaufen, sondern vielleicht eines unterwegs mieten. Er ist mit dem Zug von Sorrento nach Brindisi und von dort mit der Fähre nach Patras in Griechenland gefahren. Hut ab vor Cicero! Ich hätte nie gedacht, dass er – der intellektuelle Luftikus – sich allein auf den Weg nach Griechenland machen würde, ohne Liktoren zu seinem persönlichen Schutz und ohne Sklaven zum Hinterhertragen seiner ganzen Bibliothek und sonstigen Kleinkrams.

Ja, Cicero, der einstige Pater Patriae, entwickelt sich mehr und mehr zum Philosophen, was er ohnehin schon damals war. Aber nun will er sein altes Wissen mit dem neuen konfrontieren. Das ist eine ziemlich gewagte Herausforderung, wenn Sie mich fragen, selbst für den Nobelpreis-verdächtigen Cicero. Deshalb sucht er das einzig geeignete Umfeld dafür: Griechenland. Er meint, dass die Meditation und der Besuch der alten griechischen Tempel ihn zu neuen Erkenntnissen und schließlich zur Erleuchtung führen würden. Dabei hatte ihn Antonius gewarnt: „Kein Tempelstein steht nunmehr auf dem anderen. Du wirst dort nichts als Ruinen vorfinden, genauso wie in Italien, du jämmerliche Senatsratte!“ Aber das kümmerte Cicero denkbar wenig. Nicht die Steine seien erforderlich, um zu meditieren, sondern die Atmosphäre um die Gedenkstätte der Götter, konterte er.

Unterdessen bin ich schon an Florenz vorbeigerast. Mein Magen schreit nach etwas Festem und der Wagen nach etwas Flüssigem. Es regnet noch immer heftig, aber ich habe mich schon etwas daran gewöhnt. Nach einer kurzen Pause an einer Autobahnraststätte fahre ich weiter. Es erstaunt mich immer wieder, wie viel heutzutage getan wird, um dem Reisenden das Leben zu erleichtern.

Und ich? Wonach suche ich auf dem Weg nach Gallien? Ich schätze, ich bin einfach äußerst gespannt zu erfahren, was daraus geworden ist, welchen Beitrag ich zu seinem Erfolg oder seinem Verderben, je nachdem, geleistet habe.

Vor der Abfahrt hatte ich eine ziemlich stressige Zeit: die Fahrprüfung, die Aufteilung von Alfredos Erbe unter uns triumviri, die Organisation um den Wiederaufbau des Fortuna-Tempels in Pompeji, um das Haus und die Angestellten in Sorrento ... Ich war so beschäftigt, dass ich keine Zeit fand, meine Expedition nach Gallien zu organisieren. Natürlich hätte ich einen Tag länger zu Hause verweilen und mir in Ruhe einen Reiseplan überlegen können, aber nachdem Antonius und Cicero fort waren, hatte ich keine Lust mehr, allein in jenem großen Haus in Süditalien zu verbleiben. Folglich entschied ich mich, aus dem Stand wegzufahren, was Marietta in Tränen ausbrechen ließ.

Upps! Das war gerade Genua. Ich hätte dort die Ausfahrt Richtung Nizza nehmen müssen. Warum hat mich der Bordcomputer nicht gewarnt? Normalerweise ist er zuverlässig. Ach! Ich war wohl allzu sehr in meinen Gedanken versunken und habe ihn einfach überhört. Macht nichts! Nach Gallien kommt man auch über die Alpen, und zwar mit Sicherheit auf bequemere Weise als damals.

Es schüttet unaufhörlich. Der Regen peitscht an die Windschutzscheibe und prasselt auf das Glasdach. Dennoch fühle ich mich wohl in meiner Kiste. Was für ein Unterschied zu den damaligen Expeditionen, hoch zu Ross, durch Schlamm und über Stock und Stein!

Ich frage mich, wie die Straßen, die neuerdings zu den Alpen führen, heute aussehen. Eines ist sicher: Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, auch wenn Schnee liegt, denn ich fahre einen Vierradantrieb, ein Wunder der Technik, das offenbar erlaubt, die steilsten und holperigsten Strecken zu bewältigen ohne menschliche Intervention von außen.

Fünf Uhr abends. Die Nacht wird bald einsetzen. Und wieder beschäftigt mich die Frage: Was werde ich jenseits der Alpen vorfinden? Was fand ich damals außer furchterregenden Bergen und starrköpfigen, kriegslustigen Galliern?

Wir Römer haben uns schon immer vor den Bergen gefürchtet und haben sie wenn immer möglich vermieden: Um nach Gallien zu gelangen, musste ich sie über das Rhonetal in der Provincia Narbonensis umgehen, was übrigens auch kein einfaches Unterfangen war. Die erste Schaffung eines direkten Weges durch die Alpen war schließlich – so erzählte mir Alfredo – das Werk des Octavian, später Augustus genannt. Es gelang ihm anno 25 vor Christus, die Salasser – ein Volk im Aostatal, das die Kontrolle der Alpenpässe beanspruchte – zu beseitigen und die Öffnung des Passes des Großen Sankt Bernhard, den wir früher Mons Jovis – also den Jupitersberg – nannten, einzuleiten. Ja, es ist Jupiters Verdienst und ein segen, dass die Alpen die Römer von den blutrünstigen Galliern trennen, sonst hätten wir etliche gallische oder germanische Invasionen zu befürchten gehabt und wir Römer wären niemals Herr über Europa geworden. Wie auch immer, Augustus gründete ein Jahr später Augusta Praetoria Salassorum, welches heute unter dem Namen Aosta bekannt ist. Nach dem Fall des Imperium Romanum fiel es unter die Herrschaft verschiedener germanischer Völker. Um das Jahr 1000 wurde es von Savoyen annektiert und blieb französisch bis zum Ende des italienischen Königreiches.

Eine ziemlich bewegte Geschichte für ein derartiges Provinznest, aber Augustus erkannte in meinem Schlepptau, dass die Ansiedlung an einer strategischen Stelle lag: Von unzähligen Viertausender umgeben, mit seiner Lage im Alpenkamm und der Existenz eines Überganges über die Alpen, musste das Aostatal zu einem bevorzugten Durchgang zwischen Italien und Nordwesteuropa werden.

Unterdessen hat sich der Regen in Schnee verwandelt und die Nacht hat eingesetzt. Die Berge sind dick verschneit, im Hintergrund der pechschwarze Himmel. Unheimlich ... Fühlt man sich hier näher beim Olymp oder der Unterwelt? Aosta ist zum Glück nicht mehr weit. Ich werde mir dort ein Hotelzimmer suchen. Müde genug bin ich ohnehin, um in die Federn eines warmen Bettes abzutauchen. Morgen ist auch noch ein Tag. A domani, ragazzi!

 

Südwestbuch Verlag©2015