Leseprobe Kapitel XII

14. Februar 2015. Ich bin an diesem Morgen sehr müde, denn ich habe den größten Teil der Nacht über die Karte Deutschlands gebeugt verbracht und die Grenze mit Frankreich studiert.

Der Rhein bildet noch immer die Grenze zwischen beiden Staaten, aber nur ungefähr bis auf die Höhe von Karlsruhe. Dann schlängelt er sich als Bundeslandgrenze zwischen Rheinland-Pfalz im Westen, Baden-Württemberg im Osten und Hessen im Norden. In Koblenz angelangt fließt er weiter an Bonn, Köln, Düsseldorf und Duisburg vorbei. Später, nach einem Linksbogen, bildet er in den Niederlanden ein Delta, bevor er in die Nordsee mündet.

In meiner damaligen Vorstellung musste der Rhein die gallischen Provinzen von Germanien trennen. Das hat sich in den modernen Zeiten offenbar nur teilweise durchgesetzt. Hat sich meine frühere Ansicht nicht bewährt? Oder haben die nachfolgenden Kriege und die Bildung neuer Staaten alles durcheinander gebracht?

Das kann ich nicht mehr ändern, deshalb widme ich mich jetzt einer neuen Frage, einer, die mich noch mehr bewegt: Wo habe ich damals den Rhein von Gallien nach Germanien überquert? Die beiden Brücken, die ich damals konstruieren ließ, habe ich nach meiner Rückkehr nach Gallien zerstören lassen. Es ist also davon auszugehen, dass nichts mehr an sie erinnert. Es sei denn ...

Ich sitze da am Frühstückstisch mit Antoinette und denke über meine beiden waghalsigen Rheinüberquerungen nach. Gleichzeitig bewundere ich den mächtigen Strom durch das Fenster. Auch er ist in den Nebel getaucht, und zwar in Bodennebel, den hartnäckigsten von allen. Das schlägt auf mein Gemüt. Antoinette beobachtet mich schweigend, manchmal von der Seite, manchmal geradeaus ins Antlitz. Ich mag dieses Gefühl nicht, wenn man versucht, meine Seele, meine intimsten Gedanken zu durchforschen.

„Was steht heute auf dem Programm?“, frage ich, um Ablenkung zu schaffen.

„Augusta Raurica!“

„Ah ja! Also gehen wir!“

Am Eingang der civitas besorgt uns Antoinette einen Ortsplan und einen Prospekt. Diese Dokumente sollen mir als Bericht dienen, meint sie schnippisch. Die billige Provokation ignoriere ich, aber die Größe der Stadt lässt aufhorchen.

„Das muss tatsächlich eine große civitas gewesen sein!“, rufe ich, nachdem ich einen Blick auf den Plan geworfen habe.

„In der Tat“, antwortet meine Begleiterin. „Zur Blütezeit – so zwischen 150 und 200 nach Christus – zählte sie bis zehntausend Einwohner. Sie war also nur unwesentlich kleiner als die Colonia Claudia Ara Agrippinensium oder die Colonia Augusta Treverorum.“

„Wie heißen die beiden letzten heute?“

„Colonia Claudia Ara Agrippinensium heißt heute Köln und Colonia Augusta Treverorum, Trier. Das sind zwei schöne deutsche Städte, die erste am Rhein, die zweite an der Mosel.“

„Ich weiß, ich habe die Karte heute Nacht studiert. Das sind unsere nächsten Ziele.“

Antoinettes Gesicht geht blitzartig ins Purpurrot über, die Farbe meines damaligen Imperatormantels: „Du willst jetzt nach Deutschland? Aber du hast versprochen, mit mir nach Frankreich zu fahren!“, ruft sie stampfend.

„Frankreich wird uns nicht abhanden kommen, Kleines ... Ich muss zuerst den Rhein ein Stück nach Norden begleiten.“

Die Nervensäge beruhigt sich rasch wieder: „Suchst du dort etwas Bestimmtes?“

Die Neugier des Mädchens geht mir langsam auf die Nerven.

„Nein, nichts Bestimmtes ... Wann hat Plancus Augusta Raurica gegründet?“, frage ich unvermittelt, um das Thema zu wechseln.

„Im Jahre 44 vor Christus.“

Das Jahr, in dem ich ermordet wurde ... Da kommen mir mittlerweile vertraute Bilder wieder vor die Augen: Die curia in Pompeius’ Theater, die vielen Senatoren, die sich um mich drängen, die unzähligen Dolche in den Händen der Verschwörer, Brutus und das Nichts ... Ich sehe die Bilder jede Nacht, bevor ich einschlafe. Manchmal erlebe ich sie am helllichten Tag – wie heute – und muss erschaudern. Immer wenn ich davon träume, erwache ich schweißgebadet und mein Herz rast. Fünf Monate nach meiner Auferstehung habe ich mich noch nicht daran gewöhnen können.

Geht es Cicero auch so wie mir? Sieht er auch jeden Tag seinen Tod vor Augen? Wie lebt er damit? Und Antonius, der sich eigenhändig den Bauch aufschlitzte, sieht er ebenso die gleiche Szene immer wieder? Ich habe keinen von beiden gefragt. Ich realisiere nun, dass wir uns zu wenig mit unserer gemeinsamen Vergangenheit beschäftigt haben. Das müssen wir nach unserer Rückkehr in Sorrento unbedingt nachholen. Wem sonst könnten wir unsere intimsten Gedanken anvertrauen? Antoinettes Gesellschaft werde ich langsam überdrüssig, obwohl sie mir in der kurzen Zeit unheimlich behilflich gewesen ist. Ich will nicht undankbar sein, aber ... Ach, lassen wir das vorläufig!

„Wie ging es mit Plancus weiter, ich meine, nachdem er Augusta Raurica und Lugdunum gegründet hatte?“, frage ich, sobald ich wieder Herr über meine Emotionen geworden bin.

„Er wurde 42 vor Christus Konsul, zusammen mit Lepidus ... Zwei Jahre später wurde er zum Prokonsul Asiens ernannt. Er schloss sich dann Marcus Antonius an.“

„Gegen Octavian?“

„Ja, aber nur am Anfang, bis zum Krieg gegen die Parther, den Antonius verlor. Plancus wandte sich dann von Antonius ab und wechselte das Lager.“

Noch ein Lavierer! Was sage ich? Ein Überläufer, ein Verräter! Warum hat mir Antonius nie etwas von Plancus’ Verrat erzählt? Ist er noch immer so verbittert über die unzähligen Verrate, die er erlebt hatte, dass er nicht einmal mit mir darüber reden will? Es schmerzt mich sehr, dass Antonius mir nicht genug vertraut. Oder hat er von Plancus’ Verrat womöglich nie etwas erfahren?

Unterdessen sind wir an vielen Ruinen vorbeimarschiert. Das Theater und das Amphitheater sind restauriert worden, allerdings scheinen alle in dem Land wiederaufgebauten römischen Monumente ohne Marmorverkleidung auskommen zu müssen. Vom Haupttempel auf dem Forum ist leider nicht viel zu erkennen, aber die colonia muss sehr wohlhabend gewesen sein. Antoinette zählt alle Gebäude auf, die hier vorhanden waren: eine curia, ein Forum mit der area publica und der area sacra, zahlreiche Tavernen, ein praetorium, ein macellum, ein Theater, ein Amphitheater, drei Thermen ... Der Haupttempel auf dem Forum war der Stadtgöttin Roma und dem vergöttlichten Augustus geweiht.

Antoinette erzählt mir aus dem Gedächtnis, was sie hier bei ihrem Studium gelernt hat: Die colonia hatte keine große militärische Bedeutung, obwohl eine gewisse militärische Präsenz immer vorhanden war. Vielmehr war sie durch ihre wirtschaftliche und verkehrstechnische Lage am Rhein bekannt und geschätzt. Zwischen 240 und 250 nach Christus wurde ein Teil der Stadt durch ein Erdbeben zerstört. Einige Jahre später, um 260, fielen die Alemannen ein, ohne dass man Folgen nachweisen kann. In den Jahren 273 und 274 fiel die Stadt kriegerischen Auseinandersetzungen zum Opfer. Erst im 4. Jahrhundert erlangte Augusta Raurica militärische überregionale Bedeutung, als die I. Legion Martia hier während mehrerer Jahre ihren Hauptstützpunkt für einen umfangreichen Abschnitt des Limes hatte – der Limes, auch ein interessantes Thema ... Jedenfalls, nach 400 zogen die römischen Truppen ab und damit endete die römische Herrschaft über die schweiz.

„Wird hier weiter geforscht?“, frage ich.

„Es wird überall in der Schweiz weiter geforscht, wenn auch nicht in dem Maß, wie du es dir wünschst ... “, stichelt die Wespe. „Meistens stößt man auf archäologische Funde zufällig beim Graben von Fundamenten für neue Häuser.“

„Und dann?“

„Dann wird das ganze Bauvorhaben für kurze Zeit gestoppt. Das gibt den Archäologen die Möglichkeit, das Wichtigste auszugraben.“

„Ich habe auch gelesen, dass neue Funde zunehmend wieder zugeschüttet werden, weil kein Geld da ist, um die Forschungs- und Restaurationsarbeiten voranzutreiben“, bemerke ich.

„Ja, das kommt vor.“

„Eine Schande!“

„Sei nicht so hart mit deinen Zeitgenossen! Nicht alle haben das gleiche Interesse an der römischen Geschichte wie du!“

Selbstverständlich hat die Besserwisserin recht, aber ihre pedantische Art macht mich langsam rasend.

„Fahren wir zurück in die Stadt!“, befehle ich.

Als wir zurück im Hotel sind, will die Heuschrecke schon wieder weg. Sie möchte schoppen gehen.

„Kommst du mit?“, fragt sie.

Einkaufen mit einer Frau?!

„Nein, danke! Ich werde hier auf dich warten ... Und übrigens, hier ist dein Wochenlohn!“

Ich gebe ihr einen Zweihundertfranken-Schein. Antoinette schaut mir lange schweigend in die Augen und macht sich dann davon. Ist der Wochenlohn, der im Übrigen schon am dritten Wochentag anfällt, in ihren Augen etwa zu knapp bemessen? Egal, das soll jetzt reichen! In der Zwischenzeit öffne ich ihren Laptop und versuche einen Exkurs in die Welt der Computertechnologie zu machen.

Antoinettes Kiste ist offenbar auf Französisch konfiguriert. Mist! Davon verstehe ich zu wenig. Doch ich habe einmal in Sorrento über Antonius’ Schulter geschaut, wie er mit dem Internet umging. Ich erinnere mich, dass er von einer Weltenzyklopädie onlain schwärmte und viele Informationen daraus holte ... Ja, ich hab’s! Links steht ein Balken mit einer ganzen Reihe von Sprachen zur Auswahl: Ich entscheide mich natürlich für Italienisch: Die Startseite wechselt dann vom Französischen ins Italienische. Wahnsinn! Ich gebe Giulio Cesare ein ... und da spuckt mir die Maschine meine ganze Biographie aus! Das haut mich fast um.

Ich fange an zu lesen, drücke aus Versehen auf ein Wort in blauer Schrift und der Computer springt zu einer anderen Seite. Dort befinden sich wieder eine Menge Wörter in Blau, die mich weiterleiten, weiterleiten, weiterleiten ... Am Ende weiß ich nicht mehr, wonach ich anfänglich suchte. Nach mir, natürlich, du asinus! Verrückte Welt! Hätten wir Römer damals schon solche Technologien gehabt, hätten wir die ganze Welt erobert, Amerika, Australien und die beiden Pole inklusive!

Zurück zu Julius Caesar! Ich lese über meine Res Gestae, meine Vorfahren, den Gallischen Krieg, den römischen Bürgerkrieg, meine Auseinandersetzungen mit Cicero und dem Senat, die Übernahme der Macht durch Antonius und später durch Octavian/Augustus. Es deckt sich im Großen und Ganzen mit dem, was ich am eigenen Leib und später in meinem neuen Leben erfahren habe, obwohl hie und da einige Geschichtslücken bestehen und manche Dinge missinterpretiert wurden.

Jetzt verstehe ich, wieso Antonius so besessen von Computern ist, weshalb er keine Bücher kauft, sondern alle seine Informationen aus der Kiste herausholt. Das erspart viel Geld und die mühsame suche nach geeigneten Büchern. Auch Fremdsprachen sind kein Hindernis mehr!

Mein Magen knurrt. Oje, schon wieder Abend! Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Unzählige Straßenlampen beleuchten nun Basel und in dieser Mischung aus Licht und Nebel erscheint mir der Rhein wie ein silbriger Streifen durch die Stadt. In dem erholsamen und romantischen Moment platzt Antoinette ins Zimmer. Als sie mich an ihrem Computer sitzend sieht, schießen ihre Augen tödliche Blitze.

„Was machst du da?!“ Ich habe sie noch nie so fuchsteufelswild gesehen. Ein weiblicher Vulcanus! Ich habe keine Zeit, eine Antwort zu formulieren. Antoinette stürzt sich auf die Kiste und entreißt sie meinen Händen. „Du hast kein Recht in meinen Sachen zu wühlen! Das ist mein Eigentum!“, kreischt die Furie.

„Wozu so viel Aufregung? Ich habe doch nur im Internet etwas recherchiert ... Was hätte ich sonst in der Zwischenzeit tun sollen? Sticken oder weben, so wie Penelope, während sie auf Odysseus wartete, vielleicht?“, antworte ich mit einer Prise Witz.

„Kauf dir selber einen! Der hier gehört mir und damit basta!

„Aber ... was habe ich ... verbrochen?“

„Das hier heißt personal computer, PERSONAL, verstehst du denn nicht?“, tobt die Kleine.

Oké, oké ... Habe verstanden ... Entschuldige!“

Ich nähere mich ihr und will sie in die Arme nehmen, um sie zu beruhigen, sie hingegen stößt mich heftig weg.

„Was ist mit dir los, Antoinette?“, wundere ich mich.

„Hast du meine imels gelesen?“

„Was? Imels? Ich weiß nicht einmal, was das ist und wie das geht!“

„Du weißt nicht, was imels sind?“, schreit sich das Ungeheuer die Lungen aus dem Hals.

„Nein!“, erwidere ich etwas verlegen.

„Aber wie kann ein Althistoriker an der Uni Rom keine Ahnung von imels haben?“

„Das weißt du doch! Ich bin erst vor zwei Monaten in Rom angestellt worden. Vorher hatte ich nur in Ägypten vegetiert.“

Antoinette steigt von ihrem hohen Rosse ab, so schnell wie sie aufgestiegen ist, und seufzt: „Hoffnungsloser Fall!“

„Wollen wir essen gehen?“, frage ich, um wieder etwas Normalität in unsere Beziehung zu bringen.

Oké ...“, willigt sie schließlich ein.

Wir marschieren eine Weile durch die Basler Altstadt, nicht mehr wie Frischverliebte, sondern viel mehr wie zwei Fremde. Antoinette sagt kein Wort. Das stimmt mich etwas misstrauisch. Was soll das ganze Theater mit dem Computer? Bestimmt hat sie etwas hinein geschrieben, was mich betrifft, ihre Eindrücke, ihr Tagebuch, persönliche Sachen auf jeden Fall, die nicht für meine Augen bestimmt sind.

Wir setzen uns in ein charmantes Restaurant mit sicht auf den Rhein. Während des Essens wird Antoinette allmählich gesprächiger: „Also, Caesar, wie gefällt dir die Schweiz?“

„Hä?“

„Ich sagte: Caesar, wie gefällt dir die Schweiz?“, wiederholt sie mit Nachdruck auf „Caesar“.

Beinahe wäre ich an meinen Spaghetti erstickt. Ich schaue ihr direkt in die Augen, so wie ich es damals mit aufmüpfigen Legionären tat, um ihnen zu verstehen zu geben, dass sie mir absoluten Gehorsam schuldeten, immer ... Doch die lästige Wespe lässt sich offenbar nicht so leicht verscheuchen wie ein römischer Soldat. Welch ein Hohn! Eine moderne Frau, eben, also muss ich in die Offensive: „Warum nennst du mich Caesar?“

„Weil du dich für den hältst!“, grölt sie.

„Red bloß keinen Scheiß, Mädchen!“, rufe ich, um sie abzuschrecken. Die Wirkung im Ziel ist gleich null. Der weibliche Vulcanus ist nicht mehr zu bändigen: „Wusstest du, dass du nachts redest?“, provoziert sie weiter.

Bei allen Göttern, ich hatte keine Ahnung! Habe ich womöglich mein Geheimnis, ohne es zu ahnen, nachts ausgeplappert? Wenn dem so ist, dann bin ich – schon wieder – ein toter Mann ... Aber ich muss wissen, was genau die Tsetsefliege über mich herausgefunden hat. Ich packe meinen Mut beidhändig und frage sie, so stoisch wie nur Zenon von Kition – der Begründer der Stoa höchstpersönlich – hätte sein können: „Tatsächlich? Und was habe ich denn so gefaselt?“

„Du hast dich im Bett aufgebäumt und um dich herumgeschlagen wie ein wildes Tier ... Dabei hast du mehrmals ‚Brutus!‘ gerufen. Neben dir im Bett komme ich mir vor, als sei ich Zeugin von Caesars Ermordung ... Du machst mir Angst!“, schreit sie.

Mein Mund fühlt sich so trocken an wie die Libysche Wüste.

„Und das passiert ... jede Nacht?“, frage ich drei Töne leiser.

„Ja!“, brüllt Antoinette.

Das ist der Hammer! Mein Albtraum, der allgegenwärtige ... Und nun konfrontiert mich die Heuschrecke mit meiner Vergangenheit, will vermutlich alles über mich wissen und mich womöglich verpfeifen. Nein, ich muss sie davon überzeugen, dass sie Unsinn redet: „Ich habe dir doch mehrmals gesagt, dass ich nach so viel Lektüre über Caesar seine Persönlichkeit inhaliert habe ... Mit dieser Reise bin ich auf seinen Spuren ... Dass mich Szenen seines Lebens nachts heimsuchen, ist doch kein Kriegsverbrechen, oder?“

„Und schon wieder willst du mich verarschen!“, kräht Antoinette.

Wie Sie selber feststellen können, ist meine Überredungskunst kläglich gescheitert. Das Mädchen hat mich in die Scheiße geritten und nun will es mich zwingen, sie zu fressen: „Aber, Antoinette, ich liebe dich doch!“

„Du bist verrückt!“, poltert sie.

Am Ende muss Caesar doch kapitulieren: „Hör mal zu, Kleines! Ich habe keinen Bock, mich mit dir darüber zu streiten, oké?“

„Du bist ein frauenverachtender Dinosaurier!“, randalliert die Furie weiter.

„Ein was?“

„Ein frauenverachtender Dinosaurier!“, lärmt sie so laut, dass sich die anderen Gäste im Restaurant umdrehen und uns mit bösen Blicken anstarren.

„Mach kein Theater! Wir sind nicht allein“, flüstere ich ihr zu.

Aber das kümmert sie einen feuchten Dreck und sie setzt sogar noch einen drauf: „Ich habe die Nase voll von dir und deinen Geschichten!“

Die Heuschrecke steht auf, marschiert wie eine Kohorte in voller Fahrt auf die Garderobe zu, schnappt sich ihre Daunenjacke im Flug und verlässt türknallend das Lokal. Ich indessen bleibe da am Tisch wie versteinert sitzen.

Was mache ich jetzt? Soll ich ihr nachrennen und mich entschuldigen? Wofür soll ich mich entschuldigen? Ich habe doch nichts verbrochen. Und was ist überhaupt ein Dinosaurier? Ich sitze fassungslos da, sogar einen Finger zu heben fällt mir unheimlich schwer. Der Kellner – ein Italiener – eilt herbei und fragt, ob alles in Ordnung sei. „Könnte nicht besser sein!“, antworte ich grinsend und verlange die Rechnung.

Draußen ist es bitterkalt. Der Nebel steigt aus dem Rhein und bildet Schleier über dem Fluss. Ich brauche nun etwas Bewegung, um meine Gedanken auf der Reihe zu kriegen und zu entscheiden, was ich bezüglich meiner Beziehung zu der Hysterikerin – noch ein Fachwort von Cicero – tun soll. Soll ich sie nach Martigny zurückschicken? Ihr alles erzählen? Cicero anrufen und ihn um einen Rat bitten? Ich kann die Sache drehen und wenden wie ich will, ich finde keine zufriedenstellende Antwort.

Ich erinnere mich plötzlich an meine damals blitzschnell getroffene Entscheidung, mich von Pompeia – meiner dritten Ehefrau – zu trennen: Das war anlässlich des durch Publius Clodius Pulcher verursachten Skandals beim Fest der Bona Dea. Fragen Sie mich nicht, woraus dieses Fest bestand! Ich habe noch immer keine Ahnung. Es war reine Frauensache und kein Mann durfte der Zeremonie beiwohnen, nicht einmal der Pontifex Maximus, der ich war. Jedenfalls munkelte ganz Rom, dass Pompeia und Clodius es in meinem Haus anlässlich jenes Festes getrieben hätten. Dabei – um überhaupt ins Haus hineinzukommen – hatte sich der Schönling als Frau verkleidet. Ein raffinierter Trick dieses Schurken, den ich so sehr mochte. Pompeia traf keine schuld – davon bin ich heute noch überzeugt –, doch das noch so kleinste Gerücht drohte, meine ganze politische Karriere zunichte zu machen, also verstieß ich meine Frau und verschuldete mich zusätzlich, weil ich ihr ihre Mitgift zurückerstatten musste. Egal, das war Politik, staatsmännisches Handeln eben. Napoleon würde mir nicht widersprechen, doch ich kannte manche Männer, denen es schwerer gefallen wäre, sich von ihrem Hund zu trennen.

Gegen ein Uhr morgens befinde ich mich plötzlich vor dem Eingang meines Hotels. Ich trete ein, steige zu meinem Zimmer empor, öffne die Tür, mache das Licht an und erfasse den Raum mit einem Blick: Antoinette ist nicht da. Ich öffne den Kleiderschrank. Ihre sachen sind weg. Auf dem Schreibtisch liegt ein Zettel: „Giulio, oder Caesar, wie du willst, zum Teufel mit dir! A.“

Zum Teufel mit mir ... Das bedeutet, das war’s dann wohl ...

Cicero hatte recht: Ich sollte mich künftig besser von Frauen fern halten, insbesondere von denen, die eine lange Beziehung zu mir suchen mit allem Drum und Dran: Wahrheit, Ehrlichkeit, Ergebenheit, Pipapo ...

Doch Antoinette ist wirklich weg, oder spielt sie mir einen Scherz ihrer Art? Ich gehe runter zur réception und frage nach meiner Begleiterin. Der Nachtportier bestätigt mir, dass die junge Dame abgereist sei. Das Atmen fällt mir plötzlich leichter, als ob mir ein großer Stein von der Brust gefallen wäre. Warum wohl? War meine Beziehung zu Antoinette dermaßen verkehrt, obwohl sie am Anfang so vielversprechend aussah?

Zurück in meinem Zimmer habe ich nur noch eines im Sinn: Cicero anzurufen. Er wird wieder mit mir schimpfen, denn es ist mitten in der Nacht, aber was soll’s? Er wird sich bestimmt freuen, dass ich wieder singel bin.

Ave, Kumpel! habe ich dich geweckt?“, frage ich.

Im Hintergrund ist laute, moderne Musik zu hören.

„Nein, ich bin auf einem Fest in Athen ... Es geht hier ziemlich munter zu ... Und wie geht’s dir?“

„Ich bin wieder allein!“

„Du hast die Kleine ins Pfefferland geschickt?“

„Nein, eher umgekehrt“, versuche ich zu scherzen.

Cicero scheint meinen momentanen Gemütszustand genau durchschaut zu haben, und das auf die Distanz.

„Du nimmst es aber gelassen, nicht wahr?“, fragt er eindringlich.

„Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig ... Aber den Laufpass von einem blutjungen Mädchen zu bekommen, fördert nicht gerade mein Selbstbewusstsein.“

Cicero versucht, mich mit seinen trockenen Scherzen aufzumuntern: „Warum ist sie dir davongelaufen? Bist du noch unausstehlicher geworden als damals?“

„Ich glaube, sie ahnt etwas über meine Herkunft.“

„Ach, das bildest du dir nur ein! Wie kann ein junges Ding auf die Idee kommen, dass Julius Caesar auferstanden sei?“

„Ich rede offenbar im Schlaf.“ Cicero hat es auf einmal die Sprache verschlagen und dazu braucht es viel, glauben Sie mir! „Bist du noch dran?“, frage ich.

„Ja, ja, ich bin noch dran ... Merda accidit, Giulio! Es sind viele Geheimnisse im Schlaf gelüftet worden, aber zum Glück weißt du jetzt, dass du nun auf der Hut sein musst, besonders nachts.“

„Ja, Marco, merda accidit, oder – wie Antonius sagt – schit happens ... Damit muss ich wohl leben ... Erzähl mal ein bisschen von dir! Was machst du so?“

„Ich gebe nun Unterricht im Altgriechischen in einem Gymnasium in Athen.“

„Echt?“

„Ja! Der Klassenlehrer, den ich per Zufall in der Stadt getroffen habe, ist mittlerweile zu meinem ständigen Begleiter geworden. Er ist nun aber krank, und so bin ich für ihn heimlich eingesprungen, aus Angst, er könnte seinen dschob verlieren.“

„Und? Gefällt dir die Arbeit?“

„Ich komme mir vor wie ein magister in einem ludus in Rom, aber es ist interessant, mit jungen Menschen über die Antike zu diskutieren ... Sie sind sehr aufmerksam und neugierig.“

„Sag doch lieber, dass du dir wie Sokrates dozierend auf der Agora in Athen vorkommst“, scherze ich.

„Na ja ...“

Cicero wirkt verlegen, aber ich weiß, dass ich seinen Ehrgeiz gekitzelt habe.

„Wie lange dauert dein Einsatz?“, frage ich weiter, um ihn von seinem Unbehagen zu befreien.

„Ich weiß nicht, ein Paar Tage noch, denke ich ... Egal, ich nehme es, wie es kommt, wie du mir geraten hast.“

„Und was ist mit Antonius? Hast du Neuigkeiten von ihm?“, fällt mir ein.

„Er hat eine Freundin, eine gelehrte Ägypterin, die sich für Frauenrechte einsetzt.“

„Und er, setzt er sich auch dafür ein?“

„Das glaube ich nicht ... Antonius ist der geborene Macho ... Was kann der schon mit Frauenrechten anfangen?“

„Da wäre ich an deiner Stelle nicht so sicher, Marco ... Antonius hat schon immer eine Schwäche für starke Frauen gehabt.“

„Stimmt eigentlich: Fulvia, Octavia, Kleopatra, wenn man von der Unmenge Schauspielerinnen, Sängerinnen und Dirnen absieht, mit denen er herumhing ... Alles starke Frauen, in der Tat.“

„Mich beunruhigt, dass er kein Wort über seine Pläne mit mir reden will“, gebe ich zu bedenken.

„Giulio, wir haben uns alle drei für eine Auszeit entschieden ... Du musst Antonius’ Verschwiegenheit respektieren!“

„Habe verstanden“, erwidere ich, obwohl ich das überhaupt nicht kapiere.

„Und was macht deine Reise, Giulio?“

„Ich bin in Basel ... Habe dank Antoinette viel über die Schweizer Geschichte und sogar über Napoleon erfahren ... Ich freue mich schon auf unseren nächsten Treff in Sorrento, wo ich dir und Antonius darüber berichten kann.“

„Kommst du schon zurück?“

„Nein! Ich werde mich morgen auf den Weg nach Deutschland machen, dem Rhein entlang ... Ich mache mich auf die Suche nach den Brücken, die ich einst über den Fluss errichten ließ.“

„Das wird bestimmt eine ganze Menge Erinnerungen in dir wach rütteln!“

„Hundertpro! Aber ich sehe die Dinge heute mit viel mehr Gelassenheit als damals.“

„Kein Wunder!“

„Wieso?“

„Du bist heute ein Imperator außer Dienst und ohne Truppen!“, spottet Cicero. „Du kannst nicht mehr Gallien und Germanien unsicher machen, hihihi!“

„Und du bist nun zu einem alten magister degradiert worden, der Kinder unterrichtet!“, kontere ich ebenso belustigt.

„Es gibt keine dummen Berufe, nur dumme Menschen!“

Nach einigen weiteren Sticheleien, die mir gut tun und mich an die kurze gemeinsame Zeit in Sorrento erinnern, verabschieden wir uns.

„Gute Nacht, Marco! Cura ut valeas!

„Gute nacht, Giulio! Cura ut valeas!“

 

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