Was bisher geschah...

Am 19. September 2014 geschah das für mich, Gaius Julius Caesar, noch immer Unfassbare: Zunächst Marcus Antonius und drei Tage danach ich und Marcus Tullius Cicero – wir stiegen auf mystische Weise vom Reich der Totgeglaubten aus den Fluten des Mare Nostrum in die Gegenwart.

 

Ist es ein Zufall, dass ich an dem Septembertag wiederauferstand, an dem die entscheidende Schlacht gegen die Gallier in Alesia begann? Das wissen nur die Götter, ebenso was sie mit uns – dem dritten Triumvirat der Historie – vorhaben.

Warum kommen wir mit unversehrten Körpern aus dem Meer heraus? Wieso werden wir nackt von heute sogenannten boot piiple aufgefischt? Sie retteten Cicero und mich vor dem Ertrinken und nahmen uns an Bord ihrer erbärmlichen Nussschale, die vor Lampedusa in tausend Stücke zerschellte. Dort trafen wir auf Antonius, der schon seit drei Tagen auf der Insel weilte. Er hatte die Zeit genutzt, um sich über seine neue Lage schlau zu machen und erklärte uns, dass wir unseren Tod vor mehr als zweitausend Jahren gefunden hätten!

 

Weshalb sind ausgerechnet wir drei wieder am Leben? Und – bei allen Göttern! – was ist das für eine Welt? Oder ist das eher die Unterwelt? Und wenn das ein echtes, neues Leben sein soll, wie werden wir es bestreiten? Mit welcher neuen Bestimmung?

Schnell wurde uns klar, dass wir unsere wahre Identität lieber für uns behalten sollten. Also mussten wir uns eine neue ausdenken, um in unser fremd gewordenes „Heimatland“ einreisen zu dürfen. Da wir alle drei des Altgriechischen mächtig sind, gaben wir uns als griechische Christen aus, die aus Ägypten  fliehen mussten. Dass wir zu jenem Zeitpunkt über das Christentum so gut wie nichts wussten, versteht sich von selbst, aber Lügen war bei keinem von uns triumviri ein Problem, in jenem Leben nicht und in dem heutigen noch weniger ...

 

Wir verbrachten beinahe drei Wochen auf Lampedusa und nutzten die Zeit, um Italienisch zu lernen. Dann erhielten wir provisorische Einreisedokumente und verließen die Insel auf einem traghetto in Richtung Neapel. Bisher hatten wir keinen blassen Schimmer, wie das moderne Leben außerhalb des Flüchtlingslagers aussah, denn wir waren eingesperrt. Ich verzichte darauf zu berichten, wie sehr wir aus dem Häuschen waren, als wir Neapel wiederentdeckten! Auf keinen Fall wollten wir mehr als einen Tag in der uns zugewiesenen Flüchtlingsunterkunft vegetieren.

                     

Der Befreiungsschlag gelang uns dank der Initiative meines Antonius: Er „organisierte“ uns Motorroller und wir machten uns umgehend auf den Weg nach Rom ... Rom! Unser Weg führte uns direkt zu einem Museum, in dem Statuen unserer Zeit zuhauf standen. Dort trafen wir auf einen älteren Herren, einen Professor für Archäologie und antike Geschichte, der uns aufmerksam beobachtete. Unsere lateinische Sprache hatte uns verraten. Wir kamen dem seltsamen Gelehrten etwas suspekt vor und so wollte er mehr über uns erfahren. Er schlug als Vorwand vor, uns das Kolosseum und das Forum Romanum zu zeigen. Wir willigten selbstverständlich ein. Unterwegs bestätigte sich, wie ahnungslos, unerfahren und verloren wir waren.

 

Für uns war der Anblick jener Monumente ein unermesslicher Schock! Da stand das Kolosseum – das größte und mächtigste Gebäude, das wir je gesehen hatten – halb nackt und erbärmlich verwittert vor uns, während mein Tempel auf dem Forum Romanum komplett in Trümmern lag, wie die meisten Tempelanlagen und Monumente unserer Zeit. Am liebsten wäre ich gleich dort ein zweites Mal gestorben, aber die Götter sahen es anders. Zu unserer Überraschung überließ uns der Professor unserem Schicksal und machte sich davon, nicht aber ohne uns vorher seine Visitenkarte zu reichen: Er hieß Alfredo Benedetto. Seinen namen werden wir nie mehr vergessen.

 

Wir verbrachten einen weiteren Tag und zwei nächte wie Penner in Rom auf der Suche nach unserer gemeinsamen Vergangenheit. Während der zweiten Nacht wurden wir von Polizisten verhaftet, abgeführt und in Zellen eingesperrt. Wir dachten schon, dass wir den Rest unseres jämmerlichen zweiten Lebens im Gefängnis verbringen würden, als mir einfiel, ich könnte Alfredo anrufen, was ich auch tat. Es stellte sich heraus, dass er mit dem Polizeichef, der uns verhaften lassen hatte, bestens bekannt war. Alfredo kam, sah und siegte. Das heißt: Er bekam uns frei. Als Gegenleistung verlangte er die Wahrheit über unsere Identität.

 

Nach langem Hin und Her gaben wir unser kostbarstes Geheimnis preis. Was hätten wir ansonsten tun sollen ohne Geld, ohne Legionen und ohne Freunde in dieser fremden Welt? Der diil erwies sich als äußerst vorteilhaft, denn Alfredo nahm uns in seine Obhut: Er stellte uns seine Villa in Sorrento, seinen Tisch, und etwas Geld zur Verfügung und verhalf uns zu einem dschob. Wir  fingen vorerst damit an, Artefakte aus den Ausgrabungen von Pompeji – derer Leitung er innehatte – zu identifizieren und zu beschriften und landeten schließlich dank seiner Fürsprache als Althistoriker an der Uni Rom. Na ja, eine Vorlesung hat noch keiner von uns triumviri gehalten, denn wir sind noch nicht so weit, aber die Zeit wird kommen. Und dann werden wir die Dinge richtigstellen. Vielleicht.

 

Am allerwichtigsten ist es aber, dass Alfredo sich die Mühe machte, uns über die zweitausend Jahre Geschichte, die wir „verschlafen“ hatten, aufzuklären. Er versuchte auch, uns zum Katholizismus zu bekehren und nahm Cicero und mich mit auf einen Besuch in den Vatikan, aber unser Mäzen schaffte es nicht, uns von unseren Göttern abzuwenden. Umso weniger, als ich zu meiner Zeit das Amt des Pontifex Maximus bekleidete und nun eine heimliche Wut auf meinen jetzigen Nachfolger entwickelt habe, so populär er auch sein mag – oder vielleicht gerade deswegen. Jedenfalls hinderte dies uns nicht daran, unser erstes christliches Fest, Weihnachten, in Venedig zu feiern.

Am Tag nach unserer Rückkehr in Sorrento fanden wir Alfredo tot in seinem Bett. Ein Herzinfarkt hatte ihn uns weggenommen. Und wieder standen wir am Scheideweg. Wir trugen unseren lieben Freund christlich zu Grabe und wollten uns schon auf die Suche nach einer neuen Bleibe machen, als wir erfuhren, dass Alfredo uns sein ganzes Vermögen vererbt hatte. Wir beschlossen, alles in seinem Sinne zu behalten und weiterzuführen: das Haus, die Angestellten, seine wissenschaftlichen Projekte ...

 

Wir waren von einem Tag auf den anderen zu verhältnismäßig vermögenden Männern aufgestiegen, aber wir fühlten uns noch immer wie entwurzelte Bäume. Wir spürten in unserem tiefsten Inneren, dass kein Weg an der Verarbeitung unserer Vergangenheit vorbeiführte, und zwar jeder für sich und unter seinem neuen Namen. Ich heiße fortan Giulio Mercatore, Antonius lässt sich neuerdings Toni Stamati benamsen und Cicero hat sich für Marco Scurilli entschieden. Kule Namen, nicht wahr? Und so beschlossen wir, die Spuren, die wir vor über zwei Jahrtausenden hinterlassen haben, neu zu entdecken und aus der Perspektive der Moderne zu analysieren.

 

Dies ist nun die Aufarbeitung des wichtigsten Teils meiner früheren Geschichte oder – anders ausgedrückt – mein zweiter Anlauf, Gallien zu erobern.

 

Südwestbuch Verlag©2015